Neue Meisterhäuser in Dessau

Neue Meisterhäuser in Dessau
Die Wiedereröffnung der rekonstruierten neuen Meisterhäuser Gropius und Moholy-Nagy am 16. Mai 2014

Als das Bauhaus 1925 von Weimar nach Dessau übersiedelte, sicherte Oberbürgermeister Fritz Hesse dem Bauhausgründer Walter Gropius nicht nur die Finanzierung eines neuen Schulgebäudes zu, sondern versprach ihm obendrein auch eine Wohnsiedlung für die Bauhauslehrer, die sich seit Weimarer Tagen Meister nannten. Bereits ein Jahr später waren das Bauhausgebäude und die Meisterhäuser fertig und wurden zu Symbolen einer Gestaltungs- und Bildungsrevolution. Bis heute stehen sie weltweit für die weiße Moderne schlechthin.

Die Meisterhaussiedlung gehört zu den eindrucksvollsten Zeugnissen der Bauhausmoderne in Deutschland und avancierte zum Inbegriff der Künstlerkolonie des 20. Jahrhunderts. Wegweisende künstlerische Arbeiten der Klassischen Moderne entstanden in den kubischen Wohn- und Atelierhäusern. Außerdem galt die Siedlung als eine Art Experimentallabor des Bauhauses für das neue Wohnen. Mit Walter Gropius, Hannes Meyer und Ludwig Mies van der Rohe lebten hier alle drei Bauhausdirektoren Tür an Tür mit den Bauhauslehrern László Moholy-Nagy, Lyonel Feininger, Georg Muche, Oskar Schlemmer, Wassily Kandinsky sowie Paul Klee. Später kamen noch Anni und Josef AlbersGertrud und Alfred Arndt, Gunta Stölzl sowie Lou und Hinnerk Scheper dazu.

Mit dem Ende der Weimarer Republik, mit dem Ende der ersten Demokratie auf deutschem Boden verließen die Bauhausmeister und ihre Schüler ihre Dessauer Wirkungsstätte. Nach einem kurzen Intermezzo in Berlin löste sich das Bauhaus 1933 unter dem Druck der Nationalsozialisten auf. Viele Bauhäusler mussten emigrieren und sollten nie wieder nach Deutschland zurückkehren. Die Nazis empfanden die nun leergezogenen Meisterhäuser als „undeutsch“ und ließen sie überbauen. Als Dessau im Frühjahr 1945 bombardiert wurde, sanken auch das Direktorenhaus und die Meisterhaushälfte Moholy-Nagy in Schutt und Asche. Die übriggebliebenen Häuser überdauerten vermietet und fremdgenutzt auch die DDR-Jahre. Von der einstigen Bauhausarchitektur war längst nichts mehr zu sehen, sie wurde mit Gewalt gebrochen.

Mit der deutschen Einheit wendete sich das Schicksal für die Siedlung. Die Stadt Dessau war dank finanzkräftiger Geldgeber in der Lage, die verbliebenen Häuser Feininger (1994), Kandinsky/Klee (2000) und Muche/Schlemmer (2001) zu sanieren. Die Meisterhaussiedlung erhielt ihr Gesicht zurück, blieb aber Fragment. Jahrelang wurde darüber gestritten, ob und wie die zerstörten Häuser wieder aufzubauen wären. 2010 dann die Wende: Unter Beratung des englischen Stararchitekten David Chipperfield und weiterer Experten wurde beschlossen, die Meisterhäuser Gropius und Moholy-Nagy nicht 1:1 wieder zu errichten, sondern mit den Mitteln der zeitgenössischen Architektur zu rekonstruieren. Und so sind sie nun in einer innovativen Reduktion und in Abstraktion des Ursprungbaus wieder entstanden. Im Innern der Häuser realisiert der Künstler Olaf Nicolai eine Arbeit, die den ursprünglichen Dialog zwischen der Gropiusschen Architektur und den Bauhauskünstlern nachvollzieht. Statt Farbe: Licht! Auch die von Mies van der Rohe entworfene Trinkhalle, die aus einer Umgebungsmauer auskragt, steht wieder an altem Platz.


Die Reparatur des Meisterhausensembles ist ein Projekt der Stadt Dessau-Roßlau, das die Stiftung Bauhaus Dessau im Rahmen ihres Auftrags zur Pflege des Bauhauserbes unterstützt und begleitet.

Im Dezember 2012 war Richtfest des rekonstruierten Meisterhaus Gropius, die Eröffnung findet am 16. Mai 2014 statt. 

  

Das Berliner Büro Bruno Fioretti Marquez baute die neuen Meisterhäuser Gropius und Moholy-Nagy

Eigentlich sind das Direktorenhaus und das Haus Moholy- Nagy nur noch durch historische Dokumente bekannt: Zeichnungen, Pläne, Modelle und Fotos. Das Berliner Architekturbüro Bruno Fioretti Marquez überzeugte im Frühjahr 2010 mit einem Konzept, das sich mit dem Erinnern auseinandersetzt. Sie gaben nicht der Rekonstruktion der Bauhaus-Ikonen den Vorrang, sondern einer Interpretation mit den Mitteln zeitgenössischer Architektur.

Rekonstruktion war für die aus Italien und Argentinien stammenden Architekten auch deshalb keine Alternative, da sie nicht nur die Unterschiede der architektonischen Ursprünge verwischt hätte, sondern auch, wie jede Kopie, die Legitimität des Originals infrage stellen würde. Das Prinzip der Unschärfe als unausweichliche Komponente des Erinnerns wurde zum architektonischen Prinzip erhoben. Ihr Entwurf will die Aufgabe einer Reparatur durch die Wiedergabe der Hülle der Vorgängerbauten erfüllen. Der Besucher wird durch die Wahl des Materials und drastische Reduktion von Details als solche erkennen.

Eine Hülle aus gegossenem Beton, mit eingelassenen Senk- gläsern umgibt ein plastisches "Artefakt", das die ursprüngliche innere Gliederung der Häuser fragmentarisch aufzeichnet. Diese Reduzierung des Hauses in zwei Elemente erlaubt mehrschichtige Lesungen. Es ist als Anregung zu verstehen, das Bild des Hauses in Gedanken selbst zu ergänzen und entwickelt gleichzeitig eine selbständige Komposition, eine Spannung zwischen massiver Hülle und leichtem Einbau.


Zur künstlerischen Innengestaltung von Olaf Nicolai in den neuen Bauten der Dessauer Meisterhäuser

Die Dialektik von Tradition und Erneuerung, die in der Architektur von Bruno Fioretti Marquez angelegt ist, nimmt auch der Künstler Olaf Nicolai in seiner Arbeit "La pigment de lumière" auf. Er gestaltet die sogenannten "Artefakte" im Innern der neuen Meisterhäuser. Nicolai, einer der international erfolgreichsten deutschen Künstler, gliedert die Konstruktion in verschiedene Segmente, so dass ein abstraktes Bild aus Rechtecken und Quadraten entsteht.

Ausgegangen wird vom "Grid" der gegebenen Konstruktion - in ihm werden Segmente definiert, so dass eine Gliederung entsteht, die einem konstruktiv-abstrakten Bild ähnelt, dass sich aus verschieden großen Rechtecken und Quadraten zusammensetzt. Hinzu treten sollen vereinzelt diagonale Verbindungen.

Diese Gliederung ergibt sich also aus den konstruktiven Vorgaben des Baus und ist keine willkürliche Projektion. Diese Lineatur definiert Segmente, die jedoch nicht dadurch ausgezeichnet sind, dass sie farbig, ornamental oder mit Strukturen besetzt werden. Vielmehr wird die Oberfläche selbst verschieden vorgeführt, in dem ihre handwerkliche Ausführung in verschiedenen Putz- und Spachtelflächen hergestellt wird. Das heißt: Die optische Gliederung und die technische Ausführung ergeben sich aus dem Bau und seinen Realisationsbedingungen selbst. Jedes Segment erhält eine eigene Oberfläche, die dank dem einfallenden Licht und der Raumtiefe ein sehr differenziertes Spiel monochromer Flächen entstehen lässt.

Die Artefakte erhalten eine "Haut", die sie deutlich akzentuiert, ohne selbst massiv in den Vordergrund zu rücken. Putz- und Spachtelflächen treten auf verschiedene Weise hervor. Jedes Segment des Artefakts enthält eine eigene Oberfläche, die dank des einfallenden Lichts und der Raumtiefe ein sehr differenziertes Spiel monochromer Flächen entstehen lässt. Der Wechsel der weißen Oberflächen, deren Grenzen fugenlos aneinander stoßen, inszenieren auf Grund der verschiedenen Brechungswinkel, welche die unter- schiedlich ausgeführten Oberflächen besitzen, ein subtiles Spiel von Brechungen und Schattenwirkungen. Nicolai hat seine Arbeit anhand der Theorien von László Moholy-Nagy entwickelt, der sich intensiv mit dem Phänomen Licht und seinen Pigmenten beschäftigt hatte. "La pigment de lumiere" wurde großzügig unterstützt von der Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt, der Stiftung Meisterhäuser Dessau und der Lotto-Toto GmbH Sachsen-Anhalt.

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