Nachbauten in Henry van de Veldes Haus Hohe Pappeln

Nachbauten in Henry van de Veldes Haus Hohe Pappeln

Der belgische Designer und Kunstreformer Henry van de Velde (1863–1957) zog 1902 als Berater nach Weimar, um im Auftrag Großherzog Wilhelm Ernsts Handwerk und Industrie in Sachsen-Weimar-Eisenach für eine moderne Formgebung zu inspirieren. Um den „neuen Stil“ auch einer jüngeren Generation näher zu bringen, gründete er die Kunstgewerbeschule, aus der 1919 das Bauhaus hervorging. Im Jahre 1907 entwarf Henry van de Velde ein Wohnhaus für seine siebenköpfige Familie, das Haus Hohe Pappeln, am Stadtrand von Weimar. Hier verwirklichte er ein bauliches Gesamtkunstwerk, ohne auf die Bedürfnisse fremder Bauherren eingehen zu müssen. Wie bei vielen seiner Gebäude entwarf er nicht nur die Architektur, sondern auch sämtliche Details der Ausstattung selbst – von den Bilderleisten und Vorhängen bis hin zu den Leuchten. Im Gegensatz zu den Auftraggebern für andere seiner Gebäude fehlten ihm allerdings die Mittel für eine komplette Neugestaltung der Einrichtung. So integrierte er auch älteres, von der dynamischen Linie geprägtes Mobiliar in den neuen betont schlichten Stil des Hauses. Nach dem Wegzug der Familie in die Schweiz wurde das Anwesen 1919 verkauft. Heute befindet es sich im Besitz der Klassik Stiftung Weimar, die das repräsentative Erdgeschoss und den von Henry und Maria van de Velde gestalteten Garten für Besucher offenhält. Anstelle der inzwischen verschollenen bzw. verstreuten Einrichtung van de Veldes wird Mobiliar der Familie Münchhausen präsentiert, das der Designer 1904 in Weimar entworfen hatte.

Der ehemals von unterschiedlichen Farben und Materialien geprägte Gesamteindruck des Erdgeschosses soll im Rahmen einer denkmalgerechten Vervollständigung wieder erlebbar gemacht werden. Die Arbeiten beinhalten die raumfassenden Ausstattungen im Arbeitszimmer und im Salon. Texte, ein Audioguide und Pläne sollen über Authentizität und Rekonstruktion informieren. Nachgebaut werden die umlaufenden Einbauschränke im Arbeitszimmer, zwei darin integrierte Schreibtische, die Heizkörperverkleidung sowie ein wandständiges Sofa. Die verlorene Wandbespannung aus Henry van de Veldes Dekorationsstoff „Tula“ kann im Detail nachgewebt werden. Zu rekonstruieren sind ferner Metallarbeiten wie Griffe, Bilderhaken und Zierelemente der Heizkörperverkleidung. Für den Salon werden Vorhänge und Leuchten nachgewebt bzw. gegürtelt. Als Grundlage der Vervollständigungen dienen historische Fotografien, Zeitzeugenberichte, bauarchäologische Befunde und analoge Vorlagen. Die Untersuchung der erhaltenen Fensterlaibungen und Türflächen im Arbeitszimmer wies ein Teakfurnier mit einer ehemals matt schimmernden Oberfläche nach. Bei der Entfernung jüngerer Putzschichten kam zudem die originale Leiste mit eingefärbten Fadenresten der Wandbespannung zum Vorschein. Die Bestimmung der Farbigkeit der ursprünglichen Raumtextilien stellte die bislang größte Herausforderung des Projekts dar. Zwar sind Musterrapport, Material und Technik der Wandbespannung und des Salonvorhangs über Originale aus verschiedenen Sammlungen bekannt und im zweiten Band des Werkverzeichnisses aufgearbeitet. Henry van de Velde hatte die Stoffe jedoch in mehreren Farbvarianten weben lassen, die sich nur partiell bestimmen ließen. So konnte über einen Graustufen-Abgleich der historischen Fotografien mit den bekannten Musterstoffen die Farbgebung des Vorhangs im Salon als Rot und Rosa identifiziert werden. Die Untersuchung der Fotos von den nur in Nuancen changierenden Farbtönen der Wandbespannung kam dagegen zu keinem eindeutigen Ergebnis. Eine Farbstoffanalyse der nur millimetergroßen Fadenreste wird hoffentlich Aufschluss über die originalen Farben der Wandbespannung geben. Insgesamt werden die matt abgetönten Farben Rosa (Wand), Gelb-olive/Schlammfarben (Wandbespannung), Anthrazit (Heizkörpernischen) und Rotbraun (Einbaumöblierung) den Raum bestimmen.

Louis Held, Portrait Henry van de Velde, während seiner Weimarer Zeit, um 1910
Klassik Stiftung Weimar

Louis Held, Portrait Henry van de Velde, während seiner Weimarer Zeit, um 1910
Klassik Stiftung Weimar

Arbeitszimmer im Haus Hohe Pappeln, Ansicht Nordwest, um 1910
Bildarchiv Foto Marburg
Louis Held, Portrait Henry van de Velde, während seiner Weimarer Zeit (um 1910)
Klassik Stiftung Weimar
Haus Hohe Pappeln, Eingang  mit Ansicht von Osten. Klassik Stiftung Weimar
Foto: Jens Hauspurg
Haus Hohe Pappeln, Veranda mit Ansicht von Süden. Klassik Stiftung Weimar
Foto: Jens Hauspurg
Haus Hohe Pappeln, Veranda. Klassik Stiftung Weimar
Foto: Alexander Burzik
Haus Hohe Pappeln, Speisezimmer, Klassik Stiftung Weimar
Foto: Alexander Burzik
Hohlkehle
Türklinke
Arbeitszimmer im Haus Hohe Pappeln, Ansicht Südost, um 1910
Bildarchiv Foto Marburg

Obwohl Henry van de Velde um 1908 von moderner Serienproduktion weit entfernt war und sich für eine individuelle Gestaltung einsetzte, verwendete er seine Entwürfe mehrfach. So konnten zeitgleiche Analogien von Ausstattungsdetails für die nicht durch Befunde belegbaren Bereiche im Arbeitszimmer verwendet werden. Die elegante Hohlkehle im oberen Regalabschluss wird in Anlehnung an den Hohenhof in Hagen nachgefertigt, die Heizkörperverkleidungen nach einer identischen Vorlage aus dem Gutshaus in Lauterbach.

Das Arbeitszimmer im Haus Hohe Pappeln ist in seiner funktionalen wie schlichten Formensprache beispielhaft für Henry van de Veldes Gestaltung um 1908. Wie bereits in seinen frühen Arbeiten – etwa für den Berliner Friseursalon Haby – ist hier noch die kleinste Fläche nutzbar und kein Detail „unzweckmäßiges“ Dekor. Viel weitgehender als noch um 1900 verzichtete Henry van de Velde auf lineare Dynamik. Mit Funktionalität und vergleichsweise minimalistischer Schlichtheit positionierte er sich gegen die damals wieder erfolgreichen historisierenden Tendenzen im Möbeldesign. Er ließ die Strukturen der Materialien wirken und setzte sie dekorativ ein, sodass sie das Ornament in seiner gestalterischen Funktion ablösten. Die Maserung des Teakholzes, die Rippen im Cordsamt des Sofabezugs, die Marmoradern des Kamins prägten den Raum mit ihrer Materialsprache. Dieser unprätentiöse, doch gewollte und elegante Minimalismus wird nach den Vervollständigungen im Arbeitszimmer und im Salon des Hauses Hohe Pappeln weit deutlicher als bisher erlebbar sein. Dank des herausragenden Engagements der hoch spezialisierten Handwerker und Restauratoren und dank der Förderung der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gewinnt ab April 2016 das bauliche Gesamtkunstwerk einen wichtigen Teil des ursprünglichen Erscheinungsbildes im Sinne Henry van de Veldes zurück.


Besucherinformationen:
Haus Hohe Pappeln
Belvederer Allee 58
99425 Weimar

Öffnungszeiten
19.5. - 24.10.
Di Mi Do Fr Sa So | 11:00 - 17:00 Uhr
Aufgrund der Baumaßnahme vom 14. – 26. September 2015 geschlossen.

Preisinformationen
Erw. 3,00 € | erm. 2,00 € | Schüler (16-20 J.) 1,00 €
Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren frei 

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