Hommage an Horacio Coppola und Grete Stern

Hommage an Horacio Coppola und Grete Stern
Bauhaus-Doppelkopf Juli 2012

Ein Fotograf sei ein "Autor", so der argentinische Fotograf Horacio Coppola, der selbst die Sicht auf eine Szene auswählt – ein bewusst gewählter Ausschnitt, der die Realität offenbart, das Hier und Jetzt: "Und jetzt, mit dem Fotoapparat, besitze ich dieses Bild: Ich bin Fotograf."

Als Horacio Coppola 1932 ans Berliner Bauhaus kommt, hat er bereits den konkreten Berufswunsch, Fotograf zu werden. Einzig zu diesem Zweck reist er nach Deutschland, denn die Fotos von László Moholy-Nagy und Albert Renger-Patzsch – zwei der wichtigsten Repräsentanten der Fotoavantgarden "Neues Sehen" und "Neue Sachlichkeit" –, die er auf seiner ersten Europareise 1930 gesehen hatte, hatten einen bleibenden Eindruck bei dem jungen Argentinier hinterlassen. Auf seinem Weg zu einem der populärsten argentinischen Fotografen knüpfte Coppola stets eine enge Verbindung zwischen Fotografie und Film. 1929 hatte er den ersten Filmclub Argentiniens gegründet; neben seinem Studium am Bauhaus wirkte er in den Tempelhofer Filmstudios als Assistent am Film "Reifende Jugend" (Carl Frölich, 1933) mit. In Berlin lernt Coppola die Peterhans-Schülerin Grete Stern kennen. Sie stellt ihm den Leiter der Bauhaus-Fotoklasse vor und bewegt ihn zur Immatrikulation.

Grete Stern kommt durch Peterhans’ Berufung ans Bauhaus 1929 ein Jahr darauf mit ihm an die Dessauer Schule. Nach ihrer Lehre zur Grafikerin und Typografin an der Kunstgewerbeschule Weißenhof in Stuttgart (1924-27) hatte sie eine Ausstellung mit Bildern von Paul Outerbridge und Edward Weston – schon damals weltweit bekannte Fotografen mit modernen Sichtweisen – gesehen. Schnell stellte sich für Stern die Frage "Wo kann ich das lernen?" Ihr Bruder kannte den Berliner Pressefotografen und ehemaligen Bauhausschüler Umbo (Otto Umbehr), der schickte sie wiederum zu Walter Peterhans, bei dem Stern von nun an als Privatschülerin lernt.1928 kommt eine weitere Schülerin, Ellen Rosenberg (später verh. Auerbach), hinzu. Mit ihr gründet Stern nach der Lehrzeit das gemeinsame Foto- und Werbestudio "ringl+pit", wofür sie Peterhans seine gesamte Dunkelkammerausrüstung abgekauft und in ihrer Wohnung installiert hatte. Bis 1933, als Stern nach London emigrierte, arbeiteten sie als erfolgreiches Duo in der Berliner Werbebranche und machten sich mit ihren ironischen Fotomontage, die oft traditionelle Frauenbilder in Frage stellten, schnell in der Werbe- und Künstlerszene einen Namen.

Von Peterhans, wird Stern später schreiben, sei das Wichtigste gewesen "... das fotografische Sehen zu lernen: Von wo aus mache ich die Aufnahme? die Beleuchtung bestimmen - / was soll scharf, was soll unscharf sein - / welchen Ausschnitt erwähle ich?" Noch heute sind ihre Aufzeichnungen aus der Fotoklasse am Bauhaus im Bauhaus-Archiv Berlin erhalten, in denen sie verschiedene Theorien zur Berechnungen von Lichtintensität und Schichtkonstante festhielt und Mischverhältnisse für Entwickler- und Fixierbad notiert – eine Mischung aus Mathematikheft und Chemie-Kochbuch. 

Grete Stern, Portrait Horacio Coppola, London 1934, Neuabzug vor 1976
Bauhaus-Archiv Berlin

Grete Stern, Portrait Horacio Coppola, London 1934, Neuabzug vor 1976
Bauhaus-Archiv Berlin

Grete Stern, Selbstportrait, 1935, Neuvergrößerung 1958
Bauhaus-Archiv Berlin
Grete Stern, Portrait Ellen Auerbach, um 1930, Neuvergrößerung um 1979
Bauhaus-Archiv Berlin
Horacio Coppola, "Winter Hilfe" (Stilleben mit Handschuhen, Käppi und Schal), Unterricht Peterhans am Bauhaus Berlin, 1932
Reproduktion, Bauhaus-Archiv Berlin
Originalfoto in Privatsammlung
Horacio Coppola, Feder, Unterricht Peterhans am Bauhaus Berlin, 1932
Reproduktion, Bauhaus-Archiv Berlin
Originalfoto in Privatsammlung

Der Einfluss des Lehrers auf seine Schülerin ist im fotografischen Werk unverkennbar. Sterns Meisterwerke sind Portraits und, in Kooperation mit Ellen Auerbach, Fotomontagen. Wie Peterhans wählt Stern in den Bildnissen der befreundeten Ellen eine liegende Position. Auf scheinbar bewusst kontrastreich ausgewählten Untergrundstoffen und schlichter Kleidung lichtet sie ihr Modell aus einer Draufsicht ab. Während Peterhans’ Frauenbildnisse fast ausschließlich angreifbare, zarte Wesen zeigen, präsentiert Stern ihre Frauen oft selbstbewusst, deswegen aber nicht weniger weiblich. In Ellens Bildnis setzt sich eine schwarze Bilddiagonale aus angewinkelten Armen dem hellen Karomuster entgegen. Ihr weißes Gesicht sticht aus dem Schwarz der Kleidung und ihrer Haare hervor; sie blickt abwesend aus dem Bild heraus.

Über Grete Stern gelangt Horacio Coppola in den Künstlerkreis um Ellen Rosenberg, Walter Auerbach und Walter Peterhans. Während seines Bauhaus-Studiums entstehen lediglich 18 Fotografien, wie er später vielfach betonen wird. Sie sind direkte Resultate aus dem Unterricht Peterhans: Stillleben, die unterschiedliche Textilien und Texturen analysieren, sie in unverhoffte Verbindung bringen und zu einer neuen Bedeutung zusammenfügen, ergänzt durch ironische Titel, die dem Ganzen ein surreales Moment verleihen. In der Fotografie "Winter Hilfe" von 1932 vereint Coppola die in der kalten Jahreszeit essentiellen Kleidungsstücke Mütze, Handschuhe und Schal. In ihrer Anordnung findet sich schließlich eine Art Portrait wieder: Der Schal wird zur Haarpracht, die nach oben hin wild absteht, die runde Mütze formt den Kopf, die Handschuhe scheinen einen überdimensionierten Schnauzbart darstellen zu wollen. Neben dem ironischen Effekt dieses Herren-Bildnisses ist die Ausleuchtung der Szenerie fokussiert auf die Wiedergabe unterschiedlicher Faserstrukturen in den Geweben; beides Kriterien, auf die Peterhans großen Wert legte.

Ein weiteres Foto aus der Zeit am Bauhaus ist die Detailaufnahme einer Feder, die auf einer Art Baumwollstoff platziert ist. Die gebogene Struktur des Federkiels und die dezidierte Ausleuchtung und Belichtung der Daunen erzielen eine Assoziation mit vollkommener Weichheit und Geborgenheit. Im leicht geknitterten Unterlagestoff bilden sich abstrakte Formen, die die Sanftheit der Feder auffangen. Die Abstraktion von Formen, wie Coppola sie von Peterhans erlernte, wird er nach seiner Rückkehr nach Argentinien 1936 weiterverfolgen. Von seiner Heimatstadt Buenos Aires fertigt er im selben Jahr zahlreiche Nacht- und Tagfotografien an, die er in der Publikation "Buenos Aires, 1936" zusammenführt. Sie prägt bis heute entscheidend das Bild, das wir von der argentinischen Hauptstadt haben. 

1936 emigrieren Stern und Coppola, mittlerweile verheiratet und zweifache Eltern, nach Argentinien. In Buenos Aires wird ihnen die Möglichkeit geboten, ihre erste gemeinsame Foto-Ausstellung auf die Beine zu stellen. Sie wird als die erste Ausstellung moderner Fotografie in Argentinien in die Geschichte eingehen. Grete Stern und Horacio Coppola gelten heute als zwei der wichtigsten argentinischen Fotografen. Horacio Coppola hätte am 31. Juli Geburtstag gefeiert, wäre er nicht im Juni diesen Jahres im Alter von 105 Jahren gestorben.

Literatur (Grete Stern): Faillace, Magdalena & Richard Haas, Grete Stern. de la Bauhaus al Gran Chaco / vom Bauhaus zum Gran Chaco. Fotorreportaje de aborígenes del norte argentino (1958-1964) / Fotoreportagen im Norden Argentiniens (1958-64), Buenos Aires 2010; Priamo, Luis & Silvia Coppola, grete stern. Obra fotgráfica en la Argentina, Buenos Aires 1995; Wingler, Hans-Maria, Über Grete Stern, 4-seitiges Typoskript, o.D., BHA; Grete Stern, Grete Stern – Fotografische Ausbildung und Tätigkeit, April 1989, BHA; Grete Stern, Aufzeichnungen aus dem Unterricht bei Walter Peterhans, Dessau c. 1930, BHA

Literatur (Horacio Coppola): Marcos Zimmermann, Horacio Coppola: Como si viera por primera vez, 3.12.2010, Clarín.com, Revista de Cultura, http://www.revistaenie.clarin.com/arte/fotografia/viera-primera-vez-horacio-coppola_0_383961607.html (24.7.2012); Loreley Gaffoglio, Horacio Coppola: los ojos del siglo, in: La Nación, 23.7.2006, http://www.lanacion.com.ar/825116-horacio-coppola-los-ojos-del-siglo (24.7.2012); Jorge Schwartz, Horacio Coppola, Fundación Telefónica, o.O. 2008

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