Freund oder Feind? Das Bauhaus und die Tapete

Freund oder Feind? Das Bauhaus und die Tapete
Zusammenfassung des Vortrags, gehalten von Werner Möller im Mies van der Rohe Haus, Berlin, 21.9.2011

Das Verhältnis der Avantgarde der Moderne zur Tapete war zwiespältig. Auf der einen Seite erfuhr die Tapete mit ihren historisierenden Motiven und architektonischen Raumillusionen als Ausdruck bürgerlicher Wohnkultur des 19. Jahrhunderts tiefste Abneigung. Auf der anderen Seite bedienten sich Vertreter des Jugendstils wie der Wiener Moderne oder aus Kreisen des Deutschen Werkbundes gern der  Tapete, um ihre bunten floralen, figurativen oder abstrakten Formenwelten auf die Wand zu bringen.

Genauer betrachtet, beschränkte sich das radikale Feindbild von der Tapete auf einen zeitlich sehr begrenzten Abschnitt der 1920-er Jahre, in dem das Neue Bauen um seinen Durchbruch kämpfte. Den neuen Raumvorstellungen der Architekten stand die Tapete schlicht im Weg. Ihr Ziel war der sichtbare Einsatz der Baustoffe und -teile. Farbige Wandanstriche und spezielle Oberflächenbehandlungen dienten nicht als Tapetenersatz, sondern als unterstützende Elemente der architektonischen Konzeption und der Raumwahrnehmung. Ein Musterbeispiel hierfür sind die Dessauer Bauhausbauten, allen voran das Schulgebäude nach dem Entwurf von Walter Gropius unter Beteiligung der Bauhaus-Werkstätten. Am Weimarer Bauhaus existierte eine solche radikale Haltung gegen Tapeten und Wandverzierungen nicht. Ornamentale Wanddekors und -reliefs fanden ganz selbstverständlich ihre Umsetzung. Ebenso wurde zu dieser Zeit im Meisterrat des Bauhauses über Tapetenmuster gesprochen.

Die Tapetenbranche betrachtete die Entwicklung mit großer Sorge. Mit der fortschreitenden Etablierung des Neuen Bauens und der Neuen Sachlichkeit drohte ein Umsatzeinbruch. Außerdem ließ sich der neue Markt der großen Siedlungsprojekte für die Tapetenindustrie unter solchen Voraussetzungen nur schwer zu erschließen. 

Seite aus Rasch Muster-Originale Bauhaus 1930-31

Seite aus Rasch Muster-Originale Bauhaus 1930-31

Die erste Bauhaus-Kollektion 1930, Musterbuch
Bauhaustapete "b4"
Bauhaustapete "b6"
Seite aus Rasch Muster-Originale "MAY", 1931-32
Seite aus Rasch Muster-Originale "Weimar", 1935
Rasch Prospekt "So wohnen die Wilden und wie wohnst Du?", 1937

Vor diesem Hintergrund entschloss sich 1928 Emil Rasch, beim Bauhaus zwecks der Kooperation für eine neue Tapetenkollektion vorstellig zu werden. Den Kontakt fädelte letztlich seine Schwester Maria ein, die von 1919 bis 1923 in Weimar am Bauhaus studiert und danach für Walter Gropius gearbeitet hatte. Der neue Bauhausdirektor Hannes Meyer stand dem Ansinnen zunächst sehr skeptisch gegenüber. Den Ausschlag für die Entscheidung, mit Rasch die Herausgabe einer Bauhaustapete zu wagen, gab wahrscheinlich der politische und ökonomische Druck, der auf Meyer und dem Bauhaus lastete. Ansonsten spielte Tapete in den gerade unter seiner Leitung errichteten Bauhausbauten – die Schule des ADGB in Bernau und die Laubenganghäuser in Dessau – keine Rolle.

Bereits im Herbst 1929 wurde mit dem sogenannten blauen Rasch-Buch die erste Bauhaus-Kollektion mit 14 Designs und 145 Blatt für die Tapeten-Saison des Jahres 1930 vorgestellt. Die Kollektion prägten kleinteilige Strich- und Punktmuster sowie Raster in hellen und freundlichen Farben. In der Werkstatt für Wandmalerei gesammelte Erfahrungen waren auf das Medium Tapete übertragen und in die Massenproduktion gebracht worden. Dies entsprach ganz dem Motto „Volksbedarf statt Luxusbedarf“ von Hannes Meyer. Denn nicht nur die Siedlungstapeten aus dem Hause Rasch wurden mit diesem Schritt als vollwertiges Bauteil den Ansprüchen des Neuen Bauens gerecht. Auch für die Ausbildung am Bauhaus war die Kooperation eine wichtige Erfahrung auf dem Weg vom künstlerischen bzw. kunsthandwerklichen Entwerfen zum angewandten Gestalten für die industrielle Massenproduktion.

Diese moderne Form der Siedlungstapete war jedoch keine Erfindung des Bauhauses. So hatte zum Beispiel bereits 1927/28 Hans Leistikow als Mitarbeiter für Das Neue Frankfurt unter Ernst May sogenannte Siedlungs-Unis und Siedlungs-Raster für die Marburger Tapetenfabrik realisiert.

Der Grund, warum Emil Rasch unbedingt das Bauhaus für eine Kooperation gewinnen wollte, war  der schon damals bedeutende Marktwert des Bauhauses als Trendsetter. Rückblickend beschrieb Emil Rasch  dies 1952 wie folgt: „… Der Exponent der modernen Richtung war das Bauhaus (...) und entsprechend tapetenfeindlich. (...) Ich ahnte instinktiv, daß in Dessau die größte Gefahr für unsere Branche heranwuchs, und dachte mir, wenn es gelänge, unseren Hauptgegner zu veranlassen, eine Kollektion unter seinem eigenen Namen herauszugeben, so würde eine solche Tatsache das wirkungsvollste Signal zu einem Stimmungsumschwung unter den Tapetengegnern sein.“
Zunächst erwies sich die erste Bauhauskarte als Flop. Nur vier Händler nahmen sie in ihr Programm auf. Emil Rasch ließ sich jedoch nicht entmutigen und startete eine Offensive, indem er den Zwischenhandel umging und die Werbeaktivitäten verstärkte. In der Folge stiegen die Verkaufszahlen immens und die Bauhaustapete wurde schon im ersten Jahr zur tragenden Säule des Unternehmens und die Haupteinnahmequelle der Bauhaus GmbH.

Durch die ökonomische Abhängigkeit von der Bauhaustapete wurde das Unternehmen auch unmittelbar von den politischen Differenzen zwischen dem Bauhaus und der Stadt Dessau betroffen. Im Januar 1930 stiegen die Nationalsozialisten zur führenden politischen Kraft in Dessau auf und der Konflikt mit dem unter Hannes Meyer mehr kommunistisch ausgerichteten Bauhaus war entschieden. Zum 1. August 1930 wurde Meyer fristlos entlassen und zum Wintersemester 1930 trat Ludwig Mies van der Rohe als neuer Direktor das Amt an.

Deutlicher konnte der Wechsel für Rasch kaum ausfallen: vom Architekten des „Volksbedarfs“ hin zu dem großen Baukünstler der Klassischen Moderne. In Mies’ Vorstellungen von Raum, Materialität und Oberflächen war kein Platz für Tapeten. Einzig die vertraglichen Bindungen und die unverzichtbaren Einnahmen aus den Provisionen des Tapetengeschäfts sicherten den Fortbestand der Kooperation. 

Existentiell wurde die Kooperation für Mies van der Rohe ab dem 22. August 1932 mit dem Beschluss des Dessauer Gemeinderats, das Bauhaus zum 1. Oktober zu schließen. Mies gelang es bei der Auflösung der Verträge mit der Stadt, die Rechte auf den Namen Bauhaus und die Lizenzeinnahmen überschrieben zu bekommen sowie eine teilweise Fortzahlung der Gehälter für die Lehrkräfte bis 1935 durchzusetzen. Unter diesen Voraussetzungen ging er das Wagnis ein, das Bauhaus als Privatinstitut in Eigenverantwortung zu übernehmen. Dennoch, am 11. April 1933 wurde das neugegründete Institut – wieder auf Betreiben der Dessauer Nationalsozialisten – polizeilich durchsucht und versiegelt.

Erneut wurde der promovierte Jurist Emil Rasch aktiv. Zwei Wochen nach dem polizeilichen Zugriff kündigten Rasch und Mies van der Rohe den Vertrag zwischen dem Tapetenunternehmen und der Bauhaus GmbH. Alle Rechte inklusive der Nutzungsrechte für den Namen Bauhaustapete wurden für 6.000,- RM an das Unternehmen in Bramsche überschrieben. Damit war die Bauhaustapete dem staatlichen Zugriff bei der Liquidierung des Bauhauses am 19. Juli 1933 entzogen. Zudem erstritt Rasch am 6. September desselben Jahres vor dem Magdeburger Landgericht das Urteil, dass die Bauhaustapete nicht als entartet geschmäht werden durfte. Ein Schicksal, dass das künstlerische Schaffen seiner Schwester und Bauhäulserin Maria Rasch ereilt hatte.

Als weitere Maßnahme zur Absicherung und besseren Platzierung des Produkts auf dem Markt wies Emil Rasch schon als Ergänzung zur Bauhaustapete auf die neue Maria-May-Kollektion des Jahres 1932 hin. Eine für Rasch typische Doppel-Strategie: Auf der einen Seite steht der emanzipatorische Akt, die moderne Frau als neuen Akteur des Tapetengeschäfts vorzustellen, auf der anderen die Absicht, die Frau als traditionelle Hüterin von Heim und Herd für die sachliche Bauhaustapete in Kombination mit der mehr femininen May-Karte zu bewerben.

Im folgenden Jahr ging Emil Rasch in seiner kaufmännischen Politik noch einen Schritt weiter. Es wurde nicht nur angekündigt, dass die Bauhauskarte 1934 unter der eigenen Regie des Unternehmens steht und grundlegend umgestaltet wird. Der Kaufmann ging noch einen geradezu faustischen Schritt weiter. Nach Entwürfen von Paul Schultze-Naumburg stellte er eine neue Weimar-Kollektion vor, die fortan mit den Kollektionen von Maria May und dem Bauhaus im harmonischen Dreiklang bis zur kriegsbedingten Schließung des Werks vertrieben und beworben wurde. Parallel zu dieser strategisch motivierten aber moralisch zweifelhaften Aktivität zur Absicherungen des Unternehmens unterstützte Emil Rasch noch mehrere Jahre nach der Schließung des Bauhauses Mies van der Rohe mit Provisionen aus dem Geschäft mit der Bauhaustapete.

1948 nahm Rasch die Tapetenproduktion wieder auf. Bereits 1949 erschien für das Jahr 1950 die erste Nachkriegskollektion der Bauhaustapete. Die Gestaltung der aktualisierten Kollektion lag in den Händen des ehemaligen Leiters der Werkstatt für Wandmalerei am Bauhaus, Hinnerk Scheper, und von Werner Schriefers, dem späteren Leiter der Kölner Werkkunstschule. Rasch verfolgte seine bekannte Doppel-Strategie weiter. Neben die Bauhaustapete wurde die Kollektion einer „rasch-Künstler-Tapete“ gestellt, an der mehr als 25 Künstler aus 10 Ländern beteiligt waren. Nach den finsteren Jahren des NS-Regimes setzte die deutsche Industrie wieder auf Internationalität und Weltoffenheit. Bei dem Bestreben, zwischen Politik, Wirtschaft und moderner Gestaltung Brücken zu bauen, war Emil Rasch eine der wichtigsten Persönlichkeiten der frühen Nachkriegszeit in Westdeutschland. Schon bald nach der Wiederaufnahme der Tapetenproduktion suchte er den Kontakt zu den ehemaligen Bauhaus-Direktoren Walter Gropius, Hannes Meyer und Ludwig Mies van der Rohe.

 

Weiterführende Informationen und Quellen siehe:

Tapetenfabrik Gebr. Rasch GmbH & Co. u. Stiftung Bauhaus Dessau (Hg.): Bauhaustapete. Reklame & Erfolg einer Marke, Burckhard Kieselbach, Werner Möller, Sabine Thümmler (Red.), Köln 1995.

Tapetenfabrik Gebr. Rasch GmbH & Co. (Hg.): Rasch-Buch/Book. 1897-1997, Burckhard Kieselbach (Red.), Bramsche 1998.

Kommentar verfassen