Frau Bauhaus: Ise Gropius

Frau Bauhaus: Ise Gropius
Bauhaus-Kopf August 2012

Kurz vor Beginn der ersten Bauhausausstellung in Weimar erreichte Ise Gropius Weimar und "... verschwand für alle, die [sie] je vorher gekannt hatten, hinter dieser Tür in eine neue Welt, die nirgends ihresgleichen hatte aber [ihr] die Chance gab, [ihre] eigene Persönlichkeit in ihrem Rahmen zu entwickeln." Am 16. Oktober desselben Jahres heirateten Ise und Walter Gropius in Weimar; Wassily Kandinsky und Paul Klee sind ihre Trauzeugen.

Schon bald nannte Walter Gropius seine Frau liebevoll "Frau Bauhaus". Ise Gropius verzichtete auf einen eigenständigen Beruf und trat in den Dienst des Bauhauses: als Sekretärin, Lektorin, Organisatorin und für Gropius als "Partner von gleichem Rang". In einem Interview 1986 stellte sie fest: "Die Bauhaus-Idee wurde zu meinem zweiten Ich. Wenn man einmal davon infiziert war, hatte es Auswirkung auf jeden Aspekt des Lebens."

Neben organisatorischen Aufgaben brachte sich Ise Gropius teilweise auch gestalterisch mit ein. So entwarf sie unter architektonischen Korrekturen ihres Mannes das Dessauer Meisterhaus und Gegenstände für die Küche, "da es moderne Küchen in Deutschland noch nicht gab. Es existierte fast nichts auf dem normalen Markt was nicht nur unsere modernen technischen, sondern auch unsere ästhetischen Ansprüche befriedigt hätte." Erst nach Fertigstellung der Dessauer Häuser entwarf Margarete Schütte-Lihotzky 1926 die revolutionäre Frankfurter Küche.

Ihr gezielt moderner Blick zeigte sich auch in erhaltenen Fotografien von Ise Gropius. Eine Vielzahl der Fotos sind heute nicht mehr eindeutig ihr oder ihrem Mann zuzuordnen, da sie auf gemeinsamen Reisen entstanden und von ihnen dahingehend nicht beschriftet wurden. Nur die Selbstbildnisse sind eindeutig aus ihrer Hand. 1926/27 lichtete sie sich mit nur einer Aufnahme acht Mal aus unterschiedlichen Blickwinkeln im Toilettenspiegel ihres Dessauer Meisterhauses ab. Mit ihrem linken Arm umschließt die junge, abwesend schauende Frau die Kamera. Vom realen Modell sieht der Betrachter lediglich diesen Arm. Erst in den Spiegelbildern lässt sich Identität und Position der Fotografierenden erkennen. Der sie umgebende Raum ist durch die Spiegel-Brechungen fast bis zur Unkenntlichkeit verfremdet.

Lotte Meitner-Graf, Portrait Ise Gropius, London, 1956
Bauhaus-Archiv Berlin

Lotte Meitner-Graf, Portrait Ise Gropius, London, 1956
Bauhaus-Archiv Berlin

Lotte Meitner-Graf, Portrait Ise Gropius, London, 1956
Bauhaus-Archiv Berlin
Lucia Moholy, Portrait Ise Gropius, "kopfbild", 1924
Bauhaus-Archiv Berlin
Ise Gropius, Selbstportrait vor dem Toilettenspiegel im Dessauer Meisterhaus, c. 1926-27
Bauhaus-Archiv Berlin
Ise Gropius, Ascona, 1930
Bauhaus-Archiv Berlin
Ise Gropius, "blick in den maschinenraum des "columbus" des norddt. lloyd", Im Stahlgewirr eines Ozeandampfers (Titel in Münchner Ill.), 1928
Bauhaus-Archiv Berlin
Unbekannt, Walter Gropius und Ise Gropius, Doppelportrait, c. 1927-28
Bauhaus-Archiv Berlin
Unbekannt, Doppelportrait Walter und Ise Gropius in ihrem Haus in Lincoln, Mass., 1950er Jahre, Neuabzug 2000 (Markus Hawlik)
Bauhaus-Archiv Berlin

Nur wenige Jahre später baute sie in ihre Fotografien kleine zweideutige Ironien ein. Während eines Urlaubs in Ascona mit den befreundeten Bauhäuslern Herbert Bayer und Xanti Schawinsky schoss Ise Gropius ein Foto der beiden. Die weiße Kleidung der Boule-Spieler überstrahlt im Licht der blendenden Sonne. Auf dem Rücken einer der Beteiligten verewigte sie ihren fotografierenden Schatten. Ist sie Beobachterin, Teilhaberin oder gar nahendes, weil schwarzes Unheil?

Eine von Ise Gropius’ Fotografien, die auf einer siebenwöchigen Amerikareise 1928 entstand, wurde sogar von der Münchner Illustrierten Presse unter Angabe ihres Namens publiziert. Mit einem Blick in den Maschinenraum des Kreuzfahrtschiffes bewies Ise Gropius einmal mehr einen geschulten Blick: Bewusst lenkte sie die Aufmerksamkeit auf die von Technik dominierte Formensprache, die dem zeitgenössischen "Neuen Sehen" entsprach. Die neue Einheit von Kunst und Technik, die Walter Gropius programmatisch postulierte, findet sich in dieser Fotografie perfekt umgesetzt wieder. 

Ihre eigentliche Aufgabe am Bauhaus und später in Berlin, England und Amerika war aber schriftstellerischer Natur. Walter Gropius war von ihren literarischen Ambitionen und Fähigkeiten sehr angetan. Neben dem für ihn lästigen Briefeschreiben übernahm Ise schon früh die Formulierung seiner Artikel und Vorträge. Auf Basis gemeinsam entworfener Rohtexte versandte Ise Gropius die Texte "immer neu auffrisiert" für die "artikelfabrik", wie sie es in ihrem Tagebuch nennt.

Auch nach ihrer Zeit am Bauhaus wird sie diese Aufgabe für Walter Gropius in Berlin, England und Amerika erfüllen. In Berlin genügt endlich der Freiraum, um eine eigene Karriere als Autorin aufzubauen. Inspiriert von Reisen und eigenen Interessen schrieb Ise Gropius eine Vielzahl von Beiträgen, die sie an Verlage verkaufte. Dazu gehören unter anderem "Weltreise am Grammofon" (DAZ, Ende 1934), "Engländer zu hause" (Beyers für alle, 1933/34), "Die Gebrauchswohnung" (K. Thiemanns Verlag, Okt. 1929), "Hausfrau, Dackel und andere Weltbürger" (DAZ, 17.4.34) oder "Wie sieht die New Yorkerin aus?" (Die Dame, Nov. 1928). Einige der Texte wurden in dem Ausstellungskatalog zu Walter und Ise Gropius' Amerikareise 1928 in Deutsch und Englisch publiziert (erhältlich im Bauhaus-Archiv Berlin).

In Amerika nahm ihr kurzer Erfolg ein jähes Ende. Nachdem sie den Artikel "Grandma was a Career Girl" dem "Atlantic Monthly" angeboten hatte, bekam sie eine prompte Absage mit der Begründung, man wolle die "fürchterliche Vorstellung" arbeitender Frauen, die Ise Gropius in ihrem Beitrag besprochen hat und letztlich als Autorin dieses Ideal auch selbst vertrat, nicht unterstützen oder gar begünstigen. Sie beschließt es dabei zu belassen und sollte sich von nun an auf das Lektorat von Walter Gropius’ Texten konzentrieren – Beiträge unter seinem Namen verkauften sich problemlos. Als Trostpflaster widmete Gropius ihr seine Bücher.

Erst im Katalog "Bauhaus 1919-1928" von 1938, der begleitend zur Bauhaus-Ausstellung im Museum of Modern Art erschien, wurde Ise Gropius als Autorin und Herausgeberin gemeinsam mit Walter Gropius und Herbert Bayer genannt und erzielte so eine öffentliche Anerkennung für ihre Arbeit. Zeitlebens wurde Ise Gropius als "Frau eines großen Mannes" wahrgenommen. Doch wurde sein Lebenswerk – auch nach seinem Tod – nicht unwesentlich von der Frau im Hintergrund vorangetrieben. 

Literatur:

Breuer, Gerda & Annemarie Jaeggi (Hg.) (2008): Walter Gropius Amerikareise 1928 / Walter Gropius American Journey 1928, Wuppertal; Gropius, Ise: Bauhaus-Tagebuch 1923-28, unveröffentlichtes Typoskript, Nachlass Gropius, Bauhaus-Archiv Berlin; Isaacs, Reginald (1984): Walter Gropius: Der Mensch und sein Werk, Bd. 2, Berlin; Gropius, Ise (1986): Small But Perfect Things: A remembrance by Ise Gropius, Boston; Gropius Johansen, Ati (1980): Interview mit Ise Gropius, Tonbandaufnahme, Bauhaus-Archiv Berlin; Wingler, Hans-Maria: Interview mit Ise Gropius, Tonbandaufnahme, Bauhaus-Archiv Berlin.

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