Benita Koch-Otte: Leben und Weben am Bauhaus

Benita Koch-Otte: Leben und Weben am Bauhaus
Bauhaus-Kopf April 2012

Benita Otte gehört zu den vielen qualifizierten Frauen, die angelockt durch das Versprechen der Gleichberechtigung, des Aufbruchs und des Experiments ans Bauhaus kamen. Vermutlich lernte sie Weimar und die neue Kunsthochschule kennen, als sie auf Vermittlung des jungen Kunsthistorikers Eberhard Schenk von Schweinsberg 1919 eine Ausstellung mit Holz- und Scherenschnitten, Zeichnungen, Buntpapieren und Stoffen im Museum Weimar zeigte. (vgl. Schenk zu Schweinsberg 2008, S. 7) Die ausgebildete Zeichen-, Turn- und Handarbeitslehrerin gab daraufhin nach fünf Jahren ihre Stelle als Lehrerin an der Städtischen Höheren Mädchenschule in Uerdingen, dem Wohnsitz der Eltern, auf und kam Ostern 1920 mit 28 Jahren ans Bauhaus.

Ob Benita Otte vorhatte, am Bauhaus ihre Fähigkeiten im Bereich der textilen Künste weiterzuentwickeln oder sich darauf erst im Rahmen der Kanalisierung der Studentinnen in der Weberei spezialisierte, ist nicht mehr auszumachen. Erstaunlich ist jedenfalls, wie vielseitig sie in ihrer Weimarer Bauhauszeit arbeitete. Das zeigen ihre Beiträge zu der großen Bauhausausstellung 1923: Von großem Interesse an Architektur und Farbgestaltung sowie stupenden Fähigkeiten räumlicher geometrischer Zeichnung zeugt die isometrische Darstellung des Musterhauses Am Horn. Für dieses Haus entwickelte sie zusammen mit Ernst Gebhardt die Küche, eine der ersten nach modernen arbeitssparenden Gesichtspunkten konzipierten und technisch auf dem neuesten Stand ausgestatteten Küchen überhaupt. (vgl. Siebenbrodt 2007) (Farbabbildung der rekonstruierten Küche hier) Zudem beteiligte sie sich mit einem Teppich für das Kinderzimmer.

Heinrich Koch, Portrait Benita Koch-Otte, 1920er Jahre

Heinrich Koch, Portrait Benita Koch-Otte, 1920er Jahre

Küche im Haus am Horn, Weimar, 1923

Das zweite repräsentative Projekt für die Ausstellung war der Einbau und die Ausstattung des neuen Direktorenzimmers im Weimarer Bauhaus. Dafür beauftragte Gropius Benita Otte mit der Ausführung des Teppichs. Für den in Blau-, Violett- und Gelbtönen gehaltenen Teppich, der nach der isometrischen Darstellung des Raums von Herbert Bayer den ganzen kommunikativen Bereich der Sitzgruppe bedeckte, hat sich nur der Entwurf erhalten, nicht aber der Teppich selbst, dessen Nachbildung heute in dem 1999 rekonstruierten Zimmer zu finden ist.

Ottes Projekte für die Ausstellung machen die Vielfalt ihrer Fähigkeiten und Interessen sowie die hohe Wertschätzung ihrer Arbeiten anschaulich. Ihr Arbeitsschwerpunkt lag  aber auf der Weberei, deren Ausbau sie und die fünf Jahre jüngere Gunta Stölzl engagiert vorantrieben. Fünfzig Jahre später hat Stölzl hat dies eindrücklich beschrieben: "Otte und ich wir waren Eifrige, fast möchte man sagen Besessene des Webens in den Jahren1921 bis 1923." (Stadler-Stölzl 1972, S. 22) Durch die Zusammenarbeit in Weimar und durch den gemeinsamen Besuch von zwei Kursen in der Textilmetropole Krefeld – einen vierwöchigen  Kurs an der Färbereifachschule im Jahr 1922 und einen sechswöchigen "Fabrikantenkursus" an der Seidenwebschule Krefeld im Herbst 1924 – sowie durch die liebevolle Aufnahme in Ottes "freundlichem Elternhaus" in Uerdingen und "gemeinsames Schauen und gemeinsames Verarbeiten des Erschauten" in der "faszinierend[en] Industriewelt des Rheinlandes" und in den dortigen Ausstellungen, Museen und Kirchen wurde die Grundlage für die lebenslange Freundschaft gelegt. (Ebd.) So konnten die beiden sich in der "weberei-abteilung des bauhauses […] zusammen mit dieser industriellen spezialausbildung auf dem textilgebiet allseitig" als herausragende Fachfrauen qualifizieren, wie Gropius es in seinem Zeugnis bescheinigt hat (Gropius, 16.8.1933).

Nach der Auflösung des Bauhauses in Weimar ging Benita Otte zunächst mit nach Dessau. Dort blieb sie bis zu ihrer Berufung an die Kunstgewerbeschule der Stadt Halle auf der Burg Giebichenstein im Oktober 1925. Die Freundinnen blieben nach Ottes Wechsel auf die in Stölzls Augen sehr attraktive Position weiterhin in regem Austausch und trafen sich jeden Sonntag. (vgl. Stadler / Aloni 2009, S. 79)

Die Bedeutung von Benita Otte und Gunta Stölzl als weibliche Vorbilder für die Studierenden in der Weberei am Bauhaus veranschaulicht ein Brief von Anni Albers: "[…] ich denke dankbar zurück an Dich und Gunda als die einzigen Stützen damals in unserem Feld. Ich versuche richtig zu stellen, was jetzt so verfälscht vergolded[!] in Bauhaus Rückblicken veröffentlicht wird." (Albers,14.6.1972)

Otte gehört in den 1920er Jahren zu den Künstlerinnen in Deutschland, "die gerade dabei waren, eigene, originelle Wege zu gehen und sich einen Namen zu machen, […] sich von der Nicht-Achtung zu befreien, die sie von Seiten der männlichen Kunstrezeption Jahrhunderte lang erfahren hatten." (Hudson-Wiedenmann / Schmeichel-Falkenberg 2005, S. 7) Das Jahr 1933 bedeutete für die meisten von ihnen einen neuerlichen Ausschluss aus dem Kunstbetrieb. Auch für die, die in Deutschland blieben und nicht direkter politischer Verfolgung ausgesetzt waren oder ermordet wurden, – hatten dieser "‘zweite Ausschluss‘ […] und die daraus resultierenden veränderten Lebens- und Schaffensbedingungen  […] nachhaltige Folgen" (Ebd.). Auch in Ottes Biographie spielen die Jahre 1933/34 eine Schlüsselrolle. Die durch die politischen Verhältnisse bestimmten Brüche stehen hier im Zentrum und damit die Frage nach den Lebensbedingungen und der gestalterischen Arbeit in den "zwei ganz verschiedene[n] Leben".

 

Dr. Irene Below, Kunsthistorikerin

 

Literatur:

Albers, Anni, Brief an Koch-Otte, Benita vom 14.6.1972

Gropius, Walter, Brief an Koch-Otte, Benita, 16.8.1933

Hudson-Wiedenmann, Ursula / Schmeichel-Falkenberg, Beate: Vorwort. In: Hudson-Wiedenmann, Ursula/ Schmeichel-Falkenberg, Beate (Hrsg.): Grenzen Überschreiten. Frauen, Kunst und Exil. Würzburg 2005, S. 7-9

Schenk zu Schweinsberg, Ekkehard: Bauhaus-Künstler in Fronhausen? Die Künstlerfreundschaften der Elisabeth Obladen 2009

Siebenbrodt, Michael: Das Haus am Horn in Weimar – Bauhausstätte und Weltkulturerbe: Bau, Nutzung und Denkmalpflege. http://www.international.icomos.org/risk/2007/pdf/Soviet_Heritage_27_IV-3_Siebenbrodt.pdf 

Stadler, Monika / Aloni, Yael: Gunta Stölzl. Bauhausmeister. Ostfildern 2009

Stadler-Stölzl, Gunta: Fünf Jahre Bauhaus: Grundlage für eine fünfzigjährige Freundschaft. In: Vom Geheimnis der Farbe 1972, S. 22-23

Den vollständigen Artikel von Dr. Irene Below mit dem Titel "Behinderte Karrieren im Umbruch der Zeit: Benita Koch-Otte (1892-1976)" finden Sie ab Herbst 2012 in der Publikation "Entfernt: Frauen des Bauhauses während der NS-Zeit – Verfolgung und Exil" (hg. v. Inge Hansen-Schaberg, Wolfgang Thöner und Adriane Feustel, edition text + kritik).

 

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