bauhaus summer school

bauhaus summer school
didactic home - Wie wollen wir wohnen?

Im Rahmen der diesjährigen Sommerschule mit dem Titel "Didactic Home", veranstaltet von der Stiftung Bauhaus Dessau vom 21. bis 31. Juli 2012, führte bauhaus-online ein Interview mit dem Kurator, Dr. Werner Möller, über die Workshops, deren Ziele und involvierte Künstler, Designer und Architekten.

1. Für Ihre diesjährige Internationale Sommerschule am Bauhaus in Dessau haben Sie die renommierten Künstler, Designer und Architekten Evert Ypma, Ben Hooker, Alexander Römer, Christof Mayer und Ton Matton für Ihr Projekt gewinnen können. Was hat sie davon überzeugt, an der Sommerschule teilnehmen zu wollen? 

Überzeugt hat letztlich das Gesamtpaket der Veranstaltung: Die vier Workshopthemen beziehen sich auf ganz aktuelle Fragen zum Thema Wohnen und der Suche nach neuen zukunftsfähigen Wohn- und Lebensformen. Hierfür ist die Stadt Dessau, in der das historische Bauhaus in den 1920er Jahren seine Musterwohnungen, seine "Didactic Homes", für die Moderne des 20. Jahrhunderts entworfen, gebaut und in die Welt vermittelt hat, ein einzigartiger Standort.  Geschichte, Ideen und Ziele des Bauhauses sind die ideale Folie, um in den Workshops aktuelle und zukünftige Wohnformen und Lebensstile zu überdenken und an Originalschauplätzen neue Fantasien und Ausstattungen zu entwerfen. Des Weiteren haben sich die Sommerschule und unsere anderen Bildungsformate mittlerweile sehr gut eingefügt und genießen weltweite Anerkennung. So kommen zum Beispiel dieses Jahr unsere 45 Teilnehmer aus 27 verschiedenen Ländern und es sind nicht nur junge Studenten, sondern auch gestandene Professionelle aus den Bereichen Architektur, Design, Kunst und Geisteswissenschaften sind mit dabei.

 

Demzufolge wird Evert Ypma in Workshop 1 Walter Gropius’ Vermarktungsstrategien für sein Direktorenhaus als eine Art Folie auf heutige unterschiedliche Formen von Einrichtungsplanung legen, um abzugleichen?

Das kann man so verkürzt nicht sagen. Das Direktorenhaus, das heute ja nicht mehr besteht, diente ursprünglich auch als Musterhaus, mit dem der Öffentlichkeit die Idee eines modernen, befreiten Wohnens vorgeführt werden sollte. Gropius’ Idee hinter den Meisterhäusern war eine Abwendung vom altbewährten "My home is my castle", in dem sich die Bewohner quasi in eine private parallele Gegenwelt vor der fortschreitenden Modernisierung und Technisierung ihrer Umwelt zurückzogen. Es ging ihm darum, die Wohnkultur dieser veränderten Lebenssituation anzupassen, sie durch klare Linien, modernes Mobiliar wie z.B. die Stahlrohrmöbel und technische Gerätschaften neu zu denken und nach vorne zu entwickeln. In Führungen Publikationen, Vorträgen und mit einem dokumentarischen Vorführfilm zum Gropius-Haus sollte die Öffentlichkeit didaktisch an das Neue Bauen und Wohnen herangeführt werden. Dieser Film war auch der Initialzünder für den Workshop "Educating Consumers" mit Evert Ypma. Im Meisterhaus Schlemmer werden die Teilnehmer seines Workshops sozusagen an einen Ort des ursprünglichen Geschehens zurückkehren und der These nachgehen, dass die Vorstellung von Wohnraumgestalter, -produzent und -konsument, wie sie Walter Gropius und das Bauhaus vertrat, heute so nicht mehr aktuell ist. Aber ebenso wenig ist die heutige Haushaltsführung individualisierter Lebensstile angesichts der Umweltressourcen zukunftsfähig. Es gilt eine neue Art des Wohnens und Haushaltens zu erörtert. Aber wie? Wie lässt sich ein solcher Prozess einer neuen Wohnkultur als Notwendigkeit einer neuen Lebensführung initiieren ohne wieder in den Verdacht des "didatic home" und der Formierung des Menschen zu geraten? Wie können positiv besetzte veränderte Lebensformen aussehen? Mit solchen Fragen wird sich dieser Workshop und die gesamte Sommerschule befassen.

Was ist unter "Cohousing" (Titel des Workshops 2) zu verstehen?

"Cohousing" ist der Name für eine gemeinschaftlich geplante und bewirtschafte Wohnform, die sich im Eigentum der Bewohner befindet und die einen hohen Anteil an Gemeinschaftseinrichtungen aufweist. Der soziale und wirtschaftliche Austausch in diesen engen nachbarschaftlichen Verhältnissen soll das Wohl der gesamten Gruppe und seiner einzelnen Mitglieder verbessern. Die ersten Siedlungen kamen schon in den späten 1960er Jahren in Dänemark auf und entstanden aus der Unzufriedenheit mit dem vorherrschenden Gemeindewesen und den daraus resultierenden baulichen Strukturen. Mittlerweile gibt es über viele Länder verteilt die unterschiedlichsten Formen von Cohousing – von der dörflichen Siedlung über den suburbanen Raum bis hin zum Cohousing im innerstädtischen Wohnbestand. Im Gesamten ein sehr erfolgreiches Wohn- und Siedlungsmodell. Aber Ziel des Workshops ist es natürlich nicht eine Form des Cohousing in einer Wohnung des DDR-Massenwohnungsbau Typ WBS 70 nachzustellen. Cohousing ist hier das übergreifende Sichtwort für die Suche nach neuen spezifischen und modellhaften Formen eines gemeinschaftlichen, sozialen und ressourcenschonenden Zusammenwohnens in solchen Massenwohnungsbau-Strukturen wie den WBS 70.

Walter and Ise Gropius in dem Wohnzimmer ihres Meisterhauses, 1927
Küche WBS 70
International Summerschool 2010 “Home is everywhere”
Workshop Garden shed XXL
International Summerschool 2010 “Home is everywhere”
Public lecture Penny Sparke

Wieso haben Sie denn für diesen Workshop den Wohnungsbautyp WBS 70 ausgewählt?

WBS 70 ist schlechthin das Synonym für den reduziertesten und am radikalsten durchrationalisierten Wohnungsbautyp der ehemaligen DDR. Vom Grundkonzept her war der WBS 70 – entworfen für die Kernfamilie in der sozialistischen Gesellschaft – am weitesten entfernt von individueller Privatheit, dem Grundmodell individueller Lebensstile. Mit gut 640.000 Wohneinheiten war der WBS 70 auch der am meisten gebaute Wohnungstyp der DDR. Und aus der Mangelwirtschaft heraus trieb dieser Wohnungsbautyp den Anspruch universeller Gestaltung der Moderne von gesellschaftlicher Ideologie über die Planung und die Architektur bis hin zur modularen Wohnungseinrichtung aus einem Guss regelrecht auf die Spitze. Die politisch motivierte Ableitung dieser Konzeption in der DDR und ihre Legitimation über das Erbe der Bauhaus-Moderne liegt auf der Hand. Wie vor so einem schwierigen Hintergrund neu über selbstorganisierte Wohn- und Lebensgemeinschaften im Plattenbau nachgedacht werden kann, wird sich der Workshop Cohousing unter der Leitung von Alexander Römer und Christof Mayer in Zusammenarbeit mit der Dessauer Wohnungsbaugesellschaft beschäftigen.

Wie lässt sich die moderne "Wohnmaschine" mit dem Aspekt des "Smart Living" verbinden? 

Nun, aus dem Blickwinkel eines Wohnmodells, das allein auf die Verbesserung der Lebensqualitäten durch die Verbesserung technologischer Errungenschaften im Wohnbereich setzt, wäre die Antwort im Sinn einer Kontinuitätsthese recht simpel: für die 1920er Jahre stehen Wohnbauten wie das Direktorenhaus von Walter Gropius, für die 1930er das Dymaxion-Haus von Buckminster Fuller und für das Ende des 20. Jahrhunderts Bauten wie das Sobek-Haus in Stuttgart, die Horx-Villa am Stadtrand von Wien oder das Inhouse-Projekt in Duisburg. Aber ist es wirklich "smart", allein auf solche technologischen Kontinuitätslinien für die Zukunft des Wohnens zu setzen? Mit dieser Fragestellung wird sich der Workshop unter Leitung von Ben Hooker auseinandersetzen.

Inwiefern unterscheidet sich die Knarrbergsiedlung und der hiermit verbundene Workshop unter der Leitung von Ton Matton von Gropius’ Wohnmaschine?

Die Knarrbergsiedlung von Leopold Fischer und Leberecht Migge in Dessau-Ziebigk kann man durchaus als modernes Konkurrenzprojekt zu der Siedlung Dessau-Törten von Walter Gropius verstehen. Argumentierte Gropius hauptsächlich über die Rationalisierung der Bauorganisation zur Verbilligung des Wohnens, taten es Fischer und Migge vorrangig über die Selbstversorgung durch eine enge Verknüpfung des Wohnhauses mit dem Anbau im eigenen Garten. Hierfür lieferten Migge und Fischer anders als Gropius den Erstbezüglern detaillierte Bepflanzungspläne, die in Einklang mit der Architektur bis hin zu den Entwässerungssystemen standen. Fast alles von dem Wissen zur Weiterführung des Siedlungs- und Bewirtschaftungskonzeptes von Migge und Fischer ist über die Zeit verloren gegangen. Heute ist es eine ganze "normale" Vorortsiedlung mit klassischen Zier- und Freizeitgärten geworden. Der Workshop von Ton Matton unter dem Motto "Harvesting" wird diese Entwicklung hinterfragen, will neue "smarte" Zugänge zu Themen der Selbstversorgung entwickeln. Und im "smart" liegt auch der Berührungspunkt zu dem Workshop von Ben Hooker in der Gropius-Siedlung Dessau-Törten. 

Und wie wird außer den Anwohnern die allgemeine Öffentlichkeit in dieses spannende Thema eingebunden?

Ein fester Bestandteil unserer Sommerschulen ist ein Rahmenprogramm mit public lectures, die für jedermann frei zugänglich sind. In kurzen, aber sehr intensiven Sektionen werden durch ausgewiesene Experten zu dem jeweiligen Thema Vorträge gehalten. So entsteht auch eine Verbindung von der Praxis zur Theorie und den aktuellen Diskursen rund um die jeweiligen Themen. Bei der jetzigen Sommerschule wird am 21. Juli Victor Buchli ab 10 Uhr unter dem Titel "The Didactic Home and the Materiality of Social Reform" einen ersten Einstieg und Überblick über das Themenspektrum geben. Susan Imgrund beschreibt anschließend in ihrem Vortrag "An Upbringing in Living? Past, Present & Future" die Rolle von Marketing und Kommunikation im 20./21. Jahrhundert, wobei sie sich auf das Themenfeld "Didactic Home" konzentriert und besonders auf die Markenkommunikation von IKEA eingehen wird. Daran schließt sich eine Podiumsdiskussion mit den Vortragenden und Workshopleitern an. Zwei Tage später, am 23. Juli wird Guy Juliers ab 15 Uhr über die Beziehungen von Designkultur und Konsumgesellschaft sprechen. Und mit Emily Pilloton wird anschließend wieder die Brücke zur Praxis geschlagen. Sie wird anhand eigener Designprojekte eine neue Rolle des Designs im Gemeinwesen und in öffentlichen Bildungsprozessen aufzeigen. Des Weiteren ist unsere Final presentation am 30. Juli öffentlich. Sie wird von 10 bis 17 Uhr stattfinden und beginnt am Bauhausgebäude. Als Gastkritiker wird Matthias Noell, Professor für Architektur- und Designgeschichte an der Burg Giebichenstein in Halle, diese Abschlussveranstaltung begleiten. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen zu kommen! Die Veranstaltungen finden in Englisch statt.

Nach Abschluss der eigentlichen Sommerschule folgt noch eine Postproduktion, in der die Prozesse und Methoden der Ideenfindungen und herausragende Ergebnisse dokumentiert und aufbereitet werden. Diese Ergebnisse aus dem Programm „Didactic Home“ werden dieses Jahr am letzten Oktoberwochenende bei dem Designers’ Open Festival smart technology – new design in Leipzig in Form einer Wohnberatung präsentiert.