50 Jahre Bauhaus-Archiv

50 Jahre Bauhaus-Archiv
Eine Zeitreise in die Anfänge

Am 4. Mai 2010 feierte das Bauhaus-Archiv im Stammhaus am Berliner Landwehrkanal sein 50-jähriges Jubiläum. Einen Jahrestag feiern heißt zurückschauen und mit Hilfe alter Zeitdokumente und Pressespiegel die historischen Zusammenhänge ordnen. War das Bauhaus noch in den 1950er und 1960er Jahren vor allem Kunsthistorikern und Architekten ein Begriff, genießt es heute längst nicht mehr nur in Fachkreisen als Ikone der Moderne weltweit hohe Wertschätzung. Zu den wichtigen Absendern dieser Rückbesinnung und Verbreitung der Bauhausidee im Nachkriegsdeutschland gehörte das Bauhaus-Archiv, 1960 gegründet und 1961 in Darmstadt eröffnet.

Genau genommen beginnt die Geschichte des Bauhaus-Archivs schon im Jahr 1954. Erste Recherchen leiten die Arbeiten an der 1962 vorgelegten Bauhaus-Monografie „Das Bauhaus 1919-1933 Weimar, Dessau, Berlin” des Kunsthistorikers Hans Maria Wingler ein – das Buch sollte zu einer wichtigen Basis für eine qualitätsvolle und umfangreiche Objektsammlung werden. Die wissenschaftliche Erfassung und Aufarbeitung der Bauhaus-Materialien resultierte auch aus dem Engagement von Walter Gropius und vieler Bauhaus-Angehöriger in den 1950er Jahren. Und das Lob für Winglers Pionierarbeit ließ nicht lange auf sich warten: „Vor allem möchte ich Herrn Hans Maria Wingler danken, der seit vielen Jahren im Stillen die Dokumente zur Bauhausgeschichte zusammengetragen hat, in Weimar und in Dessau, und auf dessen Initiative die Idee des Archivs zurückzuführen ist”, verneigte sich Gropius in seinem Grußwort anlässlich der Eröffnung des Bauhaus-Archivs am 8. April 1961 auf der Mathildenhöhe in Darmstadt vor seinem Freund: „Eine Legende wird in fassbare Realität umgewandelt und braucht sich nicht mehr allein von persönlichen Erinnerungen und Hörensagen zu ernähren. Ich selbst habe die Berichterstattung und Kritik am Bauhaus durch 40 Jahre hin beobachten können, und ich begrüße es, dass es nun möglich geworden ist, die echten Dokumente seiner Existenz einzusehen, die so lange der Öffentlichkeit unzugänglich waren.”

Eine Legende wird in fassbare Realität umgewandelt ...

Warum aber Darmstadt? „Wir haben uns zu Beginn dieses Unternehmens gefragt: Wo liegt gerade für die Stadt Darmstadt die Legitimität dafür, dieses Bauhaus-Archiv zu beherbergen?”, so Darmstadts Oberbürgermeister Dr. Ludwig Engel anlässlich des Festakts im Hessischen Landesmuseum. „Gehörte es nicht nach Weimar, nach Dessau?” Eine rhetorische Frage. Dass es dort nicht errichtet werden konnte, wusste freilich jeder im Saal. Weimar und Dessau lagen in der „Zone” und die SED formulierte 1951 in ihrem Zentralorgan Neues Deutschland: „In der Architektur ... hindert uns am meisten der sogenannte Bauhausstil und die konstruktivistische, funktionalistische Grundeinstellung vieler Architekten an der Entwicklung einer Architektur, die die neuen gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR zum Ausdruck bringt.” So entstand in der DDR eine neue Bauhausbegeisterung nur sehr zögerlich und erst 1976 mit der Renovierung und Wiedereröffnung des Bauhausgebäudes in Dessau gründete sich das Wissenschaftlich-Kulturelle Zentrum (WKZ), das in den ersten Jahren von der Hochschule für Architektur und Bauwesen (HAB) Weimar betreut wurde. Zehn Jahre später, 1986, kam es zur Neugründung des Bauhauses Dessau, als einer Einrichtung, die sich der Pflege des Erbes in Form praxisverbundener Forschung und Weiterbildung verpflichtet fühlte. Bis zum Ende der DDR blieb die Rezeption des Bauhauses in Ostdeutschland ideologisch behaftet.

Aber ganz unpolitisch war die Popularisierung der Bauhaus-Moderne im Westen auch nicht. Hier entdeckte man das Bauhaus nach den Jahren des westdeutschen Wiederaufbaus als ein wichtiges Bindeglied zwischen Weimarer Republik und der Bundesrepublik sowie zwischen der westdeutschen und der amerikanischen Moderne, für die Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe geradezu symbolisch standen. Schon 1958, noch in den Vorbereitungen zur Gründung des Bauhaus-Archivs, beschwor der spätere erste Direktor dieser Einrichtung, Hans Maria Wingler, in einem Presseinterview die neuen politisch-kulturellen Verhältnisse: „Das Bauhaus gilt in Amerika als das wesentliche Geschenk Deutschlands an die moderne Kultur ... Es gehört der Welt – und was uns besonders angeht: Es ist für Amerikaner und Deutsche das leuchtende Symbol einer großen geistigen Solidarität.” So war die Eröffnung des Bauhaus-Archivs 1961 gewissermaßen auch ein Staatsereignis, ein Zeichen für die zukunftsorientierte Bundesrepublik. Und die Geschichte Darmstadts als Kunststadt – um 1900 wurde hier die Darmstädter Künstlerkolonie ins Leben gerufen, und der Deutsche Werkbund, der Rat für Formgebung sowie das Institut für neue technische Form machten die Stadt zum westdeutschen Zentrum der sich wieder etablierenden Moderne – war um ein weiteres Kapitel reicher. „Darmstadt ist jetzt auch die Stadt des Bauhauses”, schwärmte die lokale Presse.

Darmstadt ist jetzt auch die Stadt des Bauhauses.

Im Feuilleton der Saarbrücker Zeitung wurden allerdings auch skeptische Stimmen noch vor der Ankunft des Bauhauses in Darmstadt laut: „Sind wir soweit, dass revolutionäres Ideengut sich von den Regalen und Wänden eines Archivs widerspiegeln? Gehört das Bauhaus in die 'Grabkammer eines Museums'? Und jetzt: Sind die Bauhaus-Meister selber im Jenseits der Geschichte?” Anlässlich der Einweihung des Archivs am 8. April 1961 waren einige der berühmten Bauhäusler persönlich anwesend: Johannes Itten, Georg Muche, der den Festvortrag hielt, und viele Bauhaus-Schüler wie Ilse Fehling, Max Bill, Theo Bogler, Oskar Schepp oder Erich Brendel, die sich nach dem Gang durch das Archiv auf dem idyllisch gelegenen Jagdschloss Kranichstein zu einer kleinen Feier trafen. Der Aspekt des Fortwirkens des Bauhauses spiegelte sich schon in der Wahl des Namenszusatzes „Archiv” anstelle von „Museum”. Die Sammlung solle, so die Vorstellung von Walter Gropius, als offenes Ideenreservoir dienen, das jungen Menschen Anregung und Informationen auf dem Gebiet der Gestaltung gibt, nicht jedoch die Vergangenheit musealisiert.

In ein paar kleinen Kemenaten standen die Inkunabeln dieser ersten Hochschule für Gestaltung.

„Betrat man die kleinen, engen Räume des Darmstädter Archivs, so war man zunächst verwundert über diese Puppenstube des Bauhauses in seinen Anfängen. In ein paar kleinen Kemenaten standen die Inkunabeln dieser ersten Hochschule für Gestaltung: Der Mäandertisch von Walter Gropius selbst, der Barcelona-Stuhl von Ludwig Mies von der Rohe. Die Manifeste des Bauhauses liegen unter Glas. In einer Nische sind die Kannen und Tiegel zu sehen, die die Metallschmiede aus Weimar entworfen hat. Ein Schachspiel ist da, das nur aus geometrischen, kubischen Klötzchen besteht. An einer Leiste sieht man Porträtfotos der alten Bauhausmeister: Gropius, Feininger, Gerhard Marcks, Itten, Schlemmer, Kandinsky und Moholy. Im Entree hängt eine große Abbildung des Dessauer Bauhauses – das Modell einer 'nackten' Architektur, die dem Ornament den Tod geschworen hat”, beschreibt der Journalist Richard Biedrzynski die erste Einrichtung des Instituts. Walter Gropius selbst hatte mit seinem immensen persönlichen Archiv den Anfang für das Bauhaus-Archiv gemacht, das dann auf weitere Spender wartete. Jedes Archiv lebt von Nachlässen ...

(Text aus der Zeitung: „fünfzig jahre bauhaus-archiv” anlässlich des Tags der offenen Tür am 14.11.2010)

Frank Salender