Ludwig Mies van der Rohe

Werner Rohde, Portrait Ludwig Mies van der Rohe, 1934
späterer Abzug
Bauhaus-Archiv Berlin / © unbekannt

Werner Rohde, Portrait Ludwig Mies van der Rohe, 1934
späterer Abzug
Bauhaus-Archiv Berlin / © unbekannt

„Baukunst ist die räumliche Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Umwelt und der Ausdruck dafür, wie er sich darin behauptet und wie er sie zu meistern versteht.“ (Ludwig Mies van der Rohe)

Anders als sein Vorgänger Hannes Meyer und auch anders als der Bauhausgründer Walter Gropius kam Mies van der Rohe als eine überragende Figur der deutschen Avantgarde-Architektur ans Bauhaus. Er brauchte die Schule weder, um sich einen Namen zu machen, noch, um Aufträge zu bekommen. Mies van der Rohe nahm am Bauhaus vielmehr zum ersten Mal eine akademische Lehrtätigkeit auf. Vorgeschlagen hatte ihn – ebenso wie den Vorgänger Hannes Meyer – Walter Gropius, der selbst 1928 von seinem Amt als Direktor zurückgetreten war. Nach den politischen Querelen um die Absetzung Hannes Meyers durch die Stadt Dessau, die auch Gropius mitbetrieben hatte, um eine weitere kommunistische Radikalisierung unter den Bauhaus-Studenten zu verhindern, glaubte man im Meisterrat des Bauhauses und in der Stadt Dessau an die stabilisierende Wirkung einer Autorität wie Mies van der Rohe.

Ludwig Mies kam aus einer katholischen Steinmetz-Familie in Aachen. Nach einer Maurerlehre wurde er aufgrund seines außergewöhnlichen Zeichentalents – ironischerweise verdiente der spätere Protagonist eines zutiefst funktionalen, formreduzierten Bauens seinen Lebensunterhalt zunächst mit dem Zeichnen von Stuckornamenten – schnell an verschiedene Architektenbüros weiterempfohlen. Er arbeitete für die angesehenen Architekten John Martens und Bruno Paul in Berlin, bis er 1908 in das Büro des Architekten und AEG-Hausdesigners Peter Behrens eintrat. Hier begegnete er erstmals dem ebenfalls dort beschäftigten Walter Gropius.

Schon ein Jahr zuvor hatte Mies sein erstes Haus gebaut, das Jugendstil-Landhaus Riehl in Potsdam-Babelsberg. 1911 baute er das Haus Perls in Berlin-Zehlendorf. Wie die 1917 im neoklassizistischen Schinkel-Stil fertiggestellte Villa Urbig, heute bekannt als Churchill-Villa, folgten diese ersten Bauten noch eher konventionellen Vorbildern.

Im Herbst 1915 wurde Ludwig Mies in die Armee einberufen und in verschiedene Baukompanien in Frankfurt am Main, Berlin und in Osteuropa abkommandiert. Anfang 1919 kehrte er nach Berlin zurück. 1922 erweiterte er seinen Nachnamen um die Herleitung „van der“ und den Geburtsnamen seiner Mutter zu „Mies van der Rohe“. Wenn auch Mies van der Rohe in Bezug auf sein Architekturideal der Satz „Weniger ist mehr“ zugeschrieben wird, so machte er bei seinem neuen Namen wohl eine Ausnahme.

Mit der Revolution im November 1918 fanden sich in Berlin einige Künstler zusammen, die ihre Vorstellungen von einer modernen Kunst diskutieren und der Öffentlichkeit mit Ausstellungen nahebringen wollten. Sie gründeten die sogenannte Novembergruppe und organisierten regelmäßige Treffen, auf denen diskutiert und musiziert wurde – die Novembergruppenabende. Mies van der Rohe schloss sich ihnen 1921 an und organisierte bis 1925 die Architekturbeiträge der Gruppe in der jährlichen „Großen Berliner Kunstausstellung“.

1921 nahm Mies van der Rohe auch an einem Wettbewerb für ein Bürohochhaus an der Friedrichstraße in Berlin teil. Sein ungewöhnlicher – und prompt abgelehnter – Hochhausentwurf war wohl vor allem als programmatische Studie zu verstehen, mit der er bei dieser Gelegenheit an die Öffentlichkeit ging. Aus heutiger Sicht ist der Entwurf visionär, denn erstmals waren alle Hauptnutzflächen weitgehend variabel und die Fassade vollständig verglast. Sie ist das erste Beispiel für die „Haut-und-Knochen“-Architektur der späteren Jahre Mies van der Rohes: Eine transparente „Haut“ aus Glas schließt sich dabei um die Knochen eines stählernen Tragwerks.

Weitere Studien wie das „Glashochhaus“, das „Landhaus in Eisenbeton“ und das „Landhaus in Backstein“ wurden in verschiedenen Ausstellungen über moderne Architektur in Deutschland und Europa vorgestellt. Sie gelten heute noch immer als bemerkenswert innovativ und als Keimzellen seiner späteren Arbeiten. Mies van der Rohe organisierte in den folgenden Jahren weitere Ausstellungen, hielt Vorträge und veröffentlichte Artikel in der Zeitschrift „G“ und anderen Publikationen. Intensiv beteiligte er sich an den Debatten über moderne Architektur und bezog Position für die Neue Sachlichkeit.

1923 baute Mies van der Rohe sein erstes Gebäude in moderner Formensprache: Haus Ryder in Wiesbaden, ein hell verputztes, kubisches Wohnhaus mit Flachdach – stilistisch bereits dem Bauhaus nahestehend. Sein bis dahin umfangreichstes Projekt folgte 1927: Mies realisierte vier Mehrfamilienwohnhäuser an der Afrikanischen Straße in Berlin-Wedding. Er verwendete hier vorgefertigte Normbauteile zur Senkung der Baukosten und bemühte sich mit der offenen Gruppierung der Baukörper um eine gute Ausleuchtung und Belüftung der Wohnungen.

Als Mitglied des Bundes Deutscher Architekten BDA gründete Mies van der Rohe 1924 den progressiven und heftig umstrittenen Gesprächskreis „Der Ring“. Im selben Jahr trat er auf Einladung dem Deutschen Werkbund bei, zu dessen Vizepräsidenten er zwei Jahre später ernannt werden sollte. In dieser Funktion leitete er die Werkbundausstellung „Die Wohnung“ 1927 in Stuttgart, die unter anderem die Weißenhof-Siedlung hervorbrachte. Le Corbusier entwarf zusammen mit seinem Bruder zwei Gebäude für die Siedlung und lud Mies van der Rohe bei dieser Gelegenheit zum Gründungskongress des CIAM (Congrès Internationaux d’Architecture Moderne) ein. Ein weiterer Teil der Ausstellung wurde in der Stuttgarter Innenstadt gezeigt und befasste sich dort mit moderner Wohnungseinrichtung. Die Leitung dafür lag bei der Innenarchitektin Lilly Reich.

Mitte 1928 wurden Mies van der Rohe und Reich – wohl vor allem aufgrund des großen Erfolges der Stuttgarter Werkbundausstellung – mit der künstlerischen Leitung der deutschen Abteilung der Weltausstellung in Barcelona beauftragt. Sie gestalteten auch hier einige Ausstellungsbereiche gemeinsam, und Mies van der Rohe baute ein offizielles Empfangsgebäude dazu: den Barcelona-Pavillon. Erst 1986 wurde der Barcelona-Pavillon, der nach der Weltausstellung 1929 abgerissen worden war, wiedererrichtet.

Ende 1928 begann Mies van der Rohe mit dem Entwurf für Haus Tugendhat im tschechischen Brünn, das 1930 fertiggestellt wurde und ebenfalls als eines der Hauptwerke der modernen Architektur gilt. Im selben Jahr baute Mies van der Rohe in Krefeld Haus Lange und das benachbarte Haus Esters.

1930 nahm Mies van der Rohe die Berufung zum Direktor des Bauhauses in Dessau an und begann damit seine akademische Lehrtätigkeit. In seiner kurzen Zeit am Bauhaus sah sich Mies van der Rohe angesichts der politischen Verhältnisse zu immer weiteren Zugeständnissen gezwungen: Unter dem Druck der angedrohten Schließung wurde der Unterricht verschult, die Versuchsarbeit reduziert, Werkstätten zusammengelegt und der Vorkurs abgeschafft. Die Studienzeit verkürzte sich, doch die Studiengebühren stiegen, Studentenateliers blieben geschlossen und die GmbH wurde aufgelöst.

Das Dessauer Bauhaus wurde dennoch schon 1932 von einem neu gewählten Stadtrat mit nationalsozialistischer Mehrheit geschlossen. Das Bauhaus erhielt keine staatlichen Zuschüsse mehr, und Lizenznehmer wie die Lampenfirma Kandem oder der Tapentenhersteller Rasch stellten unter politischem Druck die Zusammenarbeit mit dem Bauhaus ein. Mies van der Rohe versuchte daraufhin, die Lehranstalt als Privatinstitut in einer leer stehenden Telefonfabrik in Berlin-Steglitz weiterzuführen. Die frühere Hochschule für Gestaltung nannte sich nun „Freies Lehr- und Forschungsinstitut“. Doch unter den zunehmenden Repressionen der neuen nationalsozialistischen Reichsregierung musste das Institut schließlich endgültig aufgeben. Die Nationalsozialisten wollten das Bauhaus wegen seiner „bolschewistischen Orientierung“ nicht dulden, vor allem aber lehnten sie die durch das Bauhaus vertretene Kulturauffassung generell ab. Nach einer inszenierten Hausdurchsuchung wurde das Bauhaus im April 1933 geschlossen. Im Juli beschloss der Meisterrat unter Mies van der Rohe nach den vielen schmerzhaften und zum Teil verzweifelten politischen Kompromissen der vergangenen Jahre, die Schule zu den Bedingungen der Nationalsozialisten nicht wieder zu eröffnen. Am 10. August 1933 wurde das Bauhaus endgültig aufgelöst.

Mit dem Haus Lemke in Berlin, heute Mies van der Rohe Haus in Berlin-Hohenschönhausen, wurde im Jahr der Schließung des Bauhauses auch das vorerst letzte von Mies van der Rohe entworfene Wohnhaus in Deutschland fertiggestellt. Wie viele seiner Bauhaus-Kollegen emigrierte Mies van der Rohe in die Vereinigten Staaten von Amerika.

1932 hatten die Ausstellung „Modern Architecture: International exhibition“ des Museum of Modern Art in New York und das begleitende Buch „The International Style“ die moderne Architektur in Amerika weithin bekannt gemacht und allgemeines Interesse geweckt. Amerikanische Universitäten versuchten zunehmend, sich dieser Entwicklung anzuschließen, und so signalisierten 1936 gleich zwei Universitäten Interesse an Mies van der Rohe: An der Harvard University in Boston bewarb er sich daraufhin um einen Lehrstuhl für Entwerfen, am Armour Institute in Chicago um die Leitung der Architekturabteilung. 1938 siedelte Mies van der Rohe endgültig in die Vereinigten Staaten über, 1944 wurde er amerikanischer Staatsbürger. Am Armour Institute nahm Mies van der Rohe seine akademische Lehrtätigkeit wieder auf. Er holte dafür auch zwei ehemalige Bauhauskollegen an seine Fakultät: Walter Peterhans aus New York, der die Seminare für visuelle Schulung aufbaute, und Ludwig Hilberseimer, der aus Deutschland emigrierte und den Bereich Städtebau übernahm.

Schon 1947 wurde im Museum of Modern Art in New York eine Retrospektive der Arbeiten Mies van der Rohes gezeigt. 1951 baute er das weltberühmte Farnsworth House. Drei Jahre später erhielt Mies van der Rohe den Auftrag zur Planung seines ersten Bürohochhauses, des Seagram Building in New York von 1958. Es zählt ebenfalls zu seinen Meisterwerken.

Anfang der 1960er Jahre bekam Mies van der Rohe vom Senat West-Berlins das Angebot für die Planung der Neuen Nationalgalerie im Kulturforum am Kemperplatz. Sie wurde nach seinen Entwürfen 1968 fertiggestellt.

Mies van der Rohe starb 1969 in Chicago. Die politischen Verhältnisse im Deutschland der frühen 1930er Jahre machten es ihm nicht möglich, das Bauhaus zu retten. Weder Meyers politischer Konfrontationskurs, noch Mies van der Rohes Kurs der zeitweisen Anbiederung an nationalsozialistische Vorgaben konnte die Schule retten. Letztlich blieb Mies van der Rohe seiner Ästhetik treu. Nach politischen Vorgaben zu bauen, war mit seiner Vorstellung von Architektur nicht vereinbar.

Literatur:
Brüning, Ute (1995): Das A und O des Bauhauses. Bauhauswerbung, Schriftbilder, Drucksachen, Ausstellungsdesign, Leipzig; Mies van der Rohe. Wohnhaus, Baudenkmal und Kunsthaus, München; Müller, Ulrich (2004): Raum, Bewegung und Zeit im Werk von Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe, Berlin; Noack, Wita & Heidi Specker (2008): Konzentrat der Moderne. Das Landhaus Lemke von Ludwig, Berlin; Riley, Terence & Barry Bergdoll (2001): Mies in Berlin, München, London, New York; Reuter, Helmut (2008): Mies und das neue Wohnen. Räume, Möbel, Fotografie, Ostfildern; Weber, Nicholas Fox (2009): The Bauhaus group. Six masters of modernism, New York.