Bildende Kunst

Der bildenden Kunst wurde am Bauhaus zunächst eine große Bedeutung zugemessen, obwohl es sich ausdrücklich nicht als Kunstschule im traditionellen Sinne verstand. Die freie Kunst sollte sich dem Ideal „eines Mit- und Ineinanderwirkens aller Werkleute“ unterordnen und die kreative Basis für die gestalterische Arbeit bilden. Gleichwohl hatte in der Praxis der autonom schaffende Künstler am Weimarer Bauhaus die Priorität. Diesem Konzept entsprach auch der Rang der Künstler, die Gropius nach Weimar berief und die nach seiner Vorstellung das geistige Fundament der Lehre liefern sollten. Unter den auf Gropius folgenden Direktoren Hannes Meyer und Mies van der Rohe wurde der Einfluss der bildenden Kunst zunehmend marginalisiert.

Die freie, nicht an Architektur gebundene Kunst wurde am Bauhaus als Reservoir für neue schöpferische Ideen anerkannt, war aber kein Lehrfach. „Von der modernen Malerei, die ihre alten Grenzen durchbrach, gingen zahllose Anregungen aus, die noch ungenutzt ihrer Verwirklichung durch die Werkwelt harren“, schrieb Walter Gropius 1923. Gropius berief zuerst den Bildhauer Gerhard Marcks und den Maler Lyonel Feininger sowie den Künstler und Pädagogen Johannes Itten. Später kamen Wassily Kandinsky, Paul Klee, Georg Muche, Oskar Schlemmer und László Moholy-Nagy hinzu. Sie vermittelten gestalterische Grundlagen und waren künstlerische Leiter der Werkstätten. Inhalt und Art des Unterrichts war dabei ganz den Intentionen der Meister überlassen.

Besonders die ersten Jahre des Bauhauses waren gekennzeichnet von Kontroversen um den Stellenwert und die Rolle der Kunst sowohl im Gesamtgefüge als auch im Erziehungsprogramm der Schule. Während mit Ausnahme von Itten die in der unmittelbaren Aufbauphase berufenen Künstler Feininger, Muche und Marcks ihre Aufgabe vor allem in der persönlichen Vorbildfunktion sahen, erkannten die später berufenen Meister wie Klee, Kandinsky und Moholy-Nagy die Herausbildung einer zielbewussten, die Künste koordinierenden, Form- und Farbgesetzte erforschenden Lehr- und Arbeitsstätte als Ziel der Entwicklung des Bauhauses an. Zugleich wollten sie diese Gesetze nicht mit Rezepturen für die Herstellung von Kunstwerken verwechselt sehen: Sie sollten vielmehr als allgemeingültiges Erklärungs- und Entwicklungsmuster für die unterschiedlichen Erscheinungsbilder künstlerischer Formen gelten. Wassily Kandinsky erläutert 1926 in der ersten Bauhauszeitschrift die Rolle des von den bildenden Künstlern getragenen, gestalterischen Grundlagenunterrichts: „Die Malerei wird als mitorganisierende Kraft betrachtet“.

Mit der Einrichtung der freien Malklassen im Wintersemester 1927/28 deutete sich eine neue Phase der Auseinandersetzung an. Fortschreitende Funktionalisierung sowie Technikorientierung in den Werkstätten und eine intensivierte Bildkunstproduktion standen sich gegenüber. Die visionäre Einheit von Kunst und Gestaltung für eine moderne, humanere Gesellschaft begann sich aufzulösen. Ernst Kállai, Schriftleiter der Bauhauszeitschrift, konstatierte Ende der 1920er Jahre einerseits eine „lediglich zweck- und konstruktionsbestimmte, massenwirtschaftlich-typisierte Sachlichkeit“ und andererseits die von „Traum, Vision, nacktem Seelenbekenntnis oder paradoxer Zauberkünstelei gekennzeichnete Metaphysik“.

Die Vielfalt der am Bauhaus entstandenen Kunstwerke reicht von spätexpressionistischen über geometrisch-abstrakte bis hin zu figürlichen, teils neusachlichen oder auch surrealistischen Arbeiten. Von einer einheitlichen „Bauhaus-Kunst“, einer „Bauhaus-Malerei“, geschweige denn einem „Bauhaus-Stil“, kann keine Rede sein.