Leben am Bauhaus

Heute wird das Bauhaus meist sehr allgemein als Formenkanon, als Stil rezipiert. Dabei ging es dem historischen Bauhaus um viel mehr als nur die Gestaltung von Objekten und Artefakten. Sein Ziel war die Gestaltung einer neuen modernen Lebenswelt. Einer Lebenswelt, die nach den sozialen Verwerfungen der ersten Phase der Industrialisierung im 19. Jahrhundert und dem Horror des Ersten Weltkriegs den Menschen wieder in seiner Ganzheit und Würde als Individuum und Gemeinschaftswesen erfassen sollte. Dies wollte das Bauhaus durch eine Synthese von Kunst und Leben, Arbeit und Spiel erreichen.

Damit stand das Bauhaus nicht allein. Aber das Bauhaus war der erste Ort, an dem diese Sehnsüchte der europäischen Avantgarde nach gesellschaftlicher Erneuerung in einer Schule für Gestaltung staatlich institutionalisiert und autorisiert worden waren. Ohne das gesellschaftliche und politische Vakuum, das durch die staatlichen Wirren zwischen der Novemberrevolution 1918, der Auflösung der Monarchie und der Unterzeichnung der Weimarer Verfassung durch den Reichspräsidenten am 11.8.1919 entstanden war, wäre die Gründung einer solchen Einrichtung mit so weitreichend gesteckten Zielen wohl undenkbar gewesen. Denn letztlich ging es Walter Gropius mit der Gründung des Bauhauses um nicht weniger, als einen neuen Typ von Gestalter und Mensch auszubilden und zu formen, der einen Beitrag zur Veränderung der Welt leisten sollte.

Diese Haltung prägte auch das Leben am Bauhaus: nicht eine streng akademische Vermittlung von Wissen stand im Fokus der Ausbildung, sondern das offene und empirisch-analytische Experimentieren, das Erlernen von Erfahrungen und Erkenntnissen im Miteinander. Das freundschaftliche, aber verbindliche Miteinander aller Bauhäusler – vom Kollegium der Lehrenden bis zu den Auszubildenden – bezog selbstredend die Freizeit mit ein und wurde 1919 von Walter Gropius explizit im Gründungs-Programm des Bauhauses fixiert: „Pflege freundschaftlichen Verkehrs zwischen Meistern und Studierenden außerhalb der Arbeit: dabei Theater, Vorträge, Dichtkunst, Musik, Kostümfeste. Aufbau eines heiteren Zeremoniells bei diesen Zusammenkünften.“ Besonders die Feste am Bauhaus wurden zu legendären Ereignissen.

In der allgemein chaotischen Situation der frühen Weimarer Phase bot der offene und ganzheitliche Charakter des Bauhauses aber auch viel Raum für Metaphysisches und Esoterisches. Besonders die anfängliche Rückbesinnung zum Handwerk und der mittelalterlichen Bauhütte als Metapher einer idealisierten Künstlergemeinschaft bereiteten hierfür den Boden.

Rund um den wichtigsten Meister der ersten Jahre des Bauhauses, Johannes Itten, wurde dem fernöstlichen Mazdanan-Kult gehuldigt. Nicht nur eine besondere Bauhaus-Tracht, auch andere Freizügigkeiten, wie Nacktbaden an der Ilm, Festumzüge durch die Stadt – und nicht zuletzt die außereheliche Liebe, erregten zutiefst die Gemüter der Weimarer Provinz. Dieser stürmische Freiheitsdrang änderte sich auch nicht mit dem programmatischen Umschwenken des Bauhauses ab 1922 hin zur Industrie und der abstrakteren Formenwelt des Konstruktivismus. Solche Tendenzen waren zwar schon vor der Bauhaus-Gründung in Jugend- und Lebensreformbewegungen weit verbreitet. Neu und schockierend aber war, dass eine staatliche Schule – vom Lehrkörper bis zur Studentenschaft – dieses Lebensmodell zur Grundlage der Erziehung kommender Generationen erklärte. Hier musste sich das Bürgertum mit seinen aus wilhelminischer Zeit geprägten Werten und Moralvorstellungen angegriffen fühlen. In der Provinz fernab jedes Großstadttrubels waren Konflikte unausweichlich – und sie setzten sich folgerichtig auch nach dem Umzug des Bauhauses in Dessau fort.

Überlagert wurden diese grundsätzlichen Spannungen der jungen Bauhaus-Gemeinschaft mit der bürgerlichen Gesellschaft von den politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen der ebenso jungen wie fragilen Republik. Obwohl die meisten Studierenden aus gut situierten Verhältnissen kamen, standen auch für sie besonders die Weimarer Anfangsjahre ganz im Zeichen der Kriegsfolgen mit Inflation, bitterer Armut und sozialer Not. Walter Gropius und die Studentenvertretung des Bauhauses unternahmen alles nur Erdenkliche – von der Organisation von Freitischen, Bittbriefen, der Umsatzbeteiligung am Erlös von Bauhausprodukten bis hin zur temporären Umnutzung von Arbeits- als Schlafräume – um die Existenz der kleinen Schule mit ihren ca. 130 bis 150 Studierenden aufrechterhalten zu können. Trotz kurzzeitig steigender Prosperität der Weimarer Republik in den „Goldenen Zwanzigern” blieb die Armut der Studierenden auch in Dessau ein Dauerthema. Aber dennoch, der kurze wirtschaftliche Aufschwung Deutschlands Mitte der 1920er Jahre bildete sich gleichermaßen in den Lebenswelten und Produktgestaltungen des Dessauer Bauhauses ab. Dasselbe traf allerdings auch auf die nachfolgende Phase des ökonomischen Niedergangs der Weimarer Republik mit der sich zuspitzenden politischen und sozialen Radikalisierung zu, die letztlich zum Ende des Bauhauses in Dessau 1932 und seiner Auflösung 1933 in Berlin führte.

Aber auch im Inneren des kleinen Bauhaus-Kosmos‘ verlief das Leben nicht konfliktfrei. So zum Beispiel verkündeten die Statuten des Bauhauses das Ziel der Gleichbehandlung von Mann und Frau. Aber die Realität sah anders aus: Für weibliche Studierende wurde extra eine Webereiklasse gegründet und sie hatten es schwer, in traditionell männliche Domänen wie Metallgestaltung und Architektur vorzudringen. Solche Konflikte zwischen formuliertem Anspruch und gelebter Realität schwelten auch an vielen anderen Stellen im Haus und kamen in unterschiedlichen Intensitäten – bis hin zu Intrigen – zum Ausbruch.

Literatur
Friedewald, Boris: Bauhaus, München, Berlin, London, New York 2009;
Wagner, Christoph (Hg.): Das Bauhaus und die Esoterik, Bielefeld, Leipzig 2005;
Fiedler, Jeannine; Feierabend, Peter (Hg.): Bauhaus, Köln 1999;
Neumüllers, Marie: “unseren eigenen Raum um uns”. Leben am Bauhaus, in: Das Bauhausgebäude in Dessau 1926-1999, hg. v. Kentgens-Craig, Margret, Basel 1998.