Bauhaus Dessau

Die Dessauer Zeit des Bauhauses war geprägt von der Festigung der Institution durch die bereits in Weimar 1923 eingeleitete Ausrichtung auf die neue Einheit von Kunst und Technik. In Dessau wurde das Bauhaus vom „Staatlichen Bauhaus“ zur „Hochschule für Gestaltung“. Statt Meistern, Gesellen und Lehrlingen gab es in Abkehr vom Handwerk nun Professoren und Studenten. In der aufstrebenden Industriestadt fand das Bauhaus ideale Bedingungen zur Gestaltung von Vorlagen für die industrielle Massenproduktion.

Nach der politisch erzwungenen Schließung des Bauhauses in Weimar, zog der Ortswechsel nach Dessau erstaunlicherweise keine Krise der Institution nach sich. Im Gegenteil, er förderte deren Konsolidierung auf dem Weg zur Gestaltung neuer industrieller Massenprodukte. Erst in Dessau sollte die in der Weimarer Ausstellung von 1923 proklamierte neue Einheit von Kunst und Technik zur vollen Entfaltung kommen, die dem weltweiten Ruf dieser Schule bis heute zugrunde liegt. Angefangen mit dem berühmten und 1926 eröffneten Gebäude des Dessauer Bauhauses aus dem privaten Baubüro seines Gründungsdirektors Walter Gropius in Zusammenarbeit mit den Bauhaus-Werkstätten entstand in der Dessauer Zeit das Gros der bekanntesten Produkte und Bauten, die das Bild des Bauhauses bis heute prägen. Erst in Dessau wurde die stilprägende Kleinschreibung zum Programm ebenso wie die Gründung der Bauhaus GmbH, durch die die Studenten am Erfolg der am Bauhaus entwickelten Produkte beteiligt werden konnten.

Wichtige Fürsprecher des Bauhauses in Dessau waren der freigeistige Flugzeugpionier und Erfinder Hugo Junkers, der damalige liberale Oberbürgermeister Fritz Hesse, sowie der Landeskonservator Ludwig Grote, die sich vom Bauhaus nicht nur die Lösung vieler sozialer Wohnungsprobleme für die Arbeiter der Industriereviere versprachen, sondern auch innovative kulturelle Impulse für die Stadt erhofften. Als Architekt und Designer, der sich unter anderem schon 1911 mit dem viel gelobten gläsernen Gebäude der Schuhleistenfabrik Fagus-Werk im niedersächischen Alfeld einen Namen gemacht hatte, war Gropius den Dessauer Stadtvätern hochwillkommen. Bis auf Gerhard Marcks waren ihm außerdem die schon damals berühmten Meister der Weimarer Zeit Lyonel Feininger, Wassily Kandinsky, Paul Klee, László Moholy-Nagy, Georg Muche und Oskar Schlemmer gefolgt, die in die von Gropius entworfenen Meisterhäuser einzogen. Damit besaß Dessau die über die Grenzen Deutschlands hinaus prominenteste Künstlerkolonie der Zeit. Ein nicht zu unterschätzender Image-Faktor für den aufstrebenden Industriestandort.

Seit 1926 nannte sich das vormals Staatliche Bauhaus nun offiziell „Bauhaus – Hochschule für Gestaltung“. Die Absolventen erhielten statt eines Gesellen-Briefes, wie er in der Weimarer Zeit üblich war, ein Diplom, die Meister wurden zu Professoren ernannt. Die künstlerischen Fächer wurden zugunsten der auf das industrielle Design orientieren Fächer zurückgedrängt. Hüllten sich die oft kahlgeschorenen Itten-Schüler in Weimar noch in weite Umhänge, gaben sich die Studenten der Dessauer Zeit äußerst modern: die Männer in engen Anzügen, die Frauen durchweg mit Bubikopf und teils in Hosen, teils in knielangen Röcken.

Doch auch in Dessau waren Misstrauen und Missgunst nicht weit. Der ausbleibende günstige Wohnraum durch die viel zu teure Experimental-Siedlung Dessau-Törten verärgerte das Dessauer Bürgertum, die libertäre Lebensart am Bauhaus erregte ebenfalls Widerwillen. Vor dem Hintergrund der aufziehenden Weltwirtschaftskrise wurde der kulturelle Mehrwert des Bauhauses mit seiner Bühne, seiner Bauhaus-Kapelle, seinen Lesungen und Festen nicht gewürdigt. Seit 1927 musste Gropius wie vorher in Weimar wieder um das politische Überleben seiner Schule kämpfen.

Ein Jahr später gab er den Direktorenposten an den von ihm vorgeschlagenen Schweizer Architekten und Urbanisten Hannes Meyer ab, dem vormaligen Leiter der 1927 neugegründeten Architekturabteilung des Bauhauses. Gemeinsam mit Studenten baute Meyer die Bundesschule des ADGB in Bernau bei Berlin und die Laubenganghäuser in Dessau. Am Bauhaus gab er die Parole aus: „Volksbedarf statt Luxusbedarf”. Damit führte er die Versachlichung des Bauhauses aus der Weimarer Zeit fort, wenn auch radikaler. Die Kunst sollte nur Mittel zum Gebrauch sein. Durch seine offenen Sympathien für den Sozialismus war Meyer jedoch noch stärker in Gefahr, als „Kulturbolschewist“ diffamiert zu werden. 1930 wurde er unter dem Vorwand „kommunistischer Machenschaften“ vom Stadtrat gekündigt.

Mit Ludwig Mies van der Rohe bekam das Bauhaus 1930 seinen letzten und im Gegensatz zu Gropius und Meyer am wenigsten politisch denkenden Direktor. Unter seiner Leitung wurde die Schule noch stärker auf die Architektur ausgerichtet, allerdings fehlten nun zunehmend die gesellschaftspolitischen Bezüge. Am empfindlichsten traf die Studenten neben dem Verbot jeder politischen Betätigung die Einstellung des Produktionsbetriebs. Nur ein Jahr nach Mies van der Rohes Amtsantritt dominierte die NSDAP den Dessauer Gemeinderat. Zum September 1932 beschloss die Stadt die Auflösung des Bauhauses in Dessau. Der von Mies van der Rohe organisierte Umzug der Schule unter Mitnahme sämtlicher Werkutensilien in eine alte Telefonfabrik in Berlin-Steglitz sollte bis zur endgültigen Schließung der Schule am 20. Juli 1933 nur noch Episode sein.